So viele Geschenke!
Sprachlos! Gar nichts sagen? Nein, das kann ich nicht, auch wenn ich mich so fühle, aber ohne Worte dich gehen lassen möchte ich, will ich nicht. Denn wir haben doch so viel ge -sprochen, und so viele Worte hast du geschrieben, die mich so berührt, so überrascht, so zum Lachen gebracht haben.
Was hast du geschrieben und geschrieben, jeden Tag, jeden Tag brachtest du Geschenke mit, großzügig, leicht, selbstverständlich, Textgeschenke, was hab ich gestaunt über dich.
Ich erzählte dir viel, die Liebe war immer unser Thema, alles andere auch, ohne Hemmungen, ohne nachzudenken, hab dir so gern erzählt, absolutes Vertrauen, du hast zugehört, und was hast du aus den Erzählungen gemacht?! Aus dem Banalsten, Absurdesten wurde eine tieftraurige Geschichte, ein «innerer Monolog», tatsächlich innerlich, weil es so aus deinem Herzen kam, weil du die Banalität und die Tragödie des Lebens so verstanden hattest und es zu diesem wunderbaren, tief berührenden Textgeschenk machen konntest. Dich hatte es glücklich gemacht, und ich fühlte mich von dir gesehen, erkannt. Du mochtest meinen Humor so gern, das hatte mich stolz gemacht, eigentlich warst DU so lustig, konnte kaum mit jemanden so lachen wie mit dir!
Wir hatten immer Respekt und gegenseitige Bewunderung für -einander, aber erst 2015 haben wir das erste Mal zusammen gearbeitet. Wir kamen zusammen, als wir beide, ähnlich wie jetzt, wie vom Schlag getroffen wurden. Bert Neumann war gestorben, er hatte uns endlich zusammengebracht, und nun saßen wir voreinander, das erste Mal ohne ihn, und wir dachten, die Welt dreht sich nicht mehr, ja, so fühlte es sich an. Was machen wir ohne Bert, was macht die Theaterwelt ohne Bert, wie sollte es weitergehen?
Unsere Trauer, die wir miteinander geteilt haben, hat uns damals so unglaublich nah zusammenkommen lassen, ich hab dich weinen sehen, immer wieder, und umgekehrt, und wir wollten einen Abend machen, der damit zu tun haben sollte: mit Trauer, mit Liebe, Verlust, Trost, Verzweiflung, Sehnsucht, eine tiefe Verneigung vor seiner unglaublichen Kunst, Kreativität und Eigensinn, vor seiner Einzigartigkeit, aber es sollte trotzdem lustig sein, das war uns sehr, sehr wichtig! All das sollte der Abend sein! Ich hatte so ein Glück mit dir, ich war verliebt in dich, und am Tag vor unserer Premiere weinte ich erneut, aber nur, weil ich nicht wollte, dass es aufhört mit dir, es war, als hätte ich dich im Urlaub kennengelernt, irgendwo auf einer einsamen Insel weit weg von der Realität, und nun sollte ich abreisen. Du hattest nach der Premiere geweint, weil wir jetzt erst miteinander gearbeitet hatten und die Zeit davor eben nicht.
Jetzt fühl ich mich wieder wie vom Schlag getroffen, und es ist nun sehr, sehr leer, innen und außen. Viele, sehr viele fühlen es gleich und ähnlich, unsere Familie, Volksbühnenfamilie hat einen erneuten Schicksalsschlag. Es war Liebe. Bis jetzt. Sie wird bleiben. IMMER.
Theater heute April 2024
Rubrik: Nachruf René Pollesch, Seite 35
von Kathrin Angerer
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