Sieg der Vernunft
Und wenn es nun in dieser Minute geschlossen gewesen wäre, darum also hätte ich gelebt?», räsonniert Heinrich von Kleist in einem Brief, den er am 18. Juli 1801 unmittelbar nach seinem «spektakulären» Kutschen-Unfall auf dem Butzbacher Marktplatz schrieb, über sein Leben. «Das hätte der Himmel mit diesem dunkeln, rätselhaften, irdischen Leben gewollt, und weiter nichts –?» Offensichtlich steckte der namhafte Schriftsteller bereits im allgemein eher optimistischen Alter von 24 Jahren in einer tiefen Midlife-Crisis.
Er befand sich mit seiner Schwester Ulrike auf dem Weg nach Paris, als ein Esel «so abscheuliches Geschrei» von sich gab, dass «die armen Pferde, die das Unglück haben keine Vernunft zu besitzen», logischer Weise durchgingen, und sich das Gefährt mitsamt Insass:innen überschlug. «Das alles kostete uns 3 Louisdor und 24 Stunden, am andern Morgen ging es weiter – Wann wird der letzte sein?»
Auch im zweiten Teil der künstlerischen Arbeit, die das Theaterkollektiv copy & waste einer Auseinandersetzung mit dem Sterben abgerungen hat, bleibt der Vorhang geschlossen – zumin -dest bis zum bitteren Ende. Bereits die erste Zeitreise ins «Archiv der Sterblichkeit» «Besides, it’s ...
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Theater heute Mai 2023
Rubrik: Magazin, Seite 86
von Anja Quickert
Die Theatermacherinnen Karin Henkel, Jahrgang 1970, und Lisa Lucassen, Jahrgang 1969, hätten einander eigentlich schon beim Berliner Theatertreffen 2011 begegnen können. Dorthin waren die Regisseurin Henkel mit ihrem Kölner «Kirschgarten» und die Performancegruppe She She Pop, zu deren Gründungsmitgliedern Lucassen gehört, mit «Testament» eingeladen – einer...
Diebe der Zeit
Alexander Giesches Visual Poem zu Michael Endes «Momo» in Zürich
Je langsamer du gehst, desto schneller kommst du voran, sagt die Halbstundenprophetin Kassiopeia bei Michael Ende. In Zürich ist die Schildkröte ein ausgesprochen niedlicher Roboterhund, der sich nahtlos zwischen virtuellen Welten und dem Bühnenuniversum zu bewegen versteht, die...
Seine Zeit ist vorbei. Wortlos sitzt ein grau angezogener Mann (Ekkehard Freye) zwischen Zimmerpflanzen in einem gediegen nussbraun vertäfelten Zimmer. Über ihm hängt ein Bild der Heiligen Barbara, Schutzpatronin der Bergleute, neben ihm ein Arbeitshelm an der Wand: Einst war er stolzer Kumpel der Zeche Prosper Haniel. Vor ihm stehen Blumentöpfe, die er still...
