Schuld und Sühne

Jan Lauwers arbeitet sich mit «All the good» in der Maschinenhalle Zweckel an seiner Identität als «Weißer Künstler» ab, Christoph Marthaler und Stefanie Carp entwerfen in ihrer Arbeit «Nach den letzten Tagen» im Audimax der Bochumer Ruhr-Universität ein düster-dystopisches Bild des künftigen Europa

Orhan Pamuk war nicht da. Dabei hätte ihm das meiste von dem, was es hier zu bestaunen gab, sicher gefallen: diese nützlichen und we­niger nützlichen objets trouvés, die Liebesgeschichten, die sich aus den Gegenständen her­ausschälten, der Nippeskram – er hätte all das sehr gut gebrauchen können für sein Istanbuler «Museum der Unschuld». Wobei das mit der Unschuld so eine Sache ist. Genau darum nämlich geht es nicht in «All the good» von Jan Lauwers, das dieser gemeinsam mit seiner Needcompany in die Maschinenhalle Zweckel hin­einmontierte.

Es geht vielmehr um die existenzielle Frage, wie Schuld aus einer privilegierten Perspektive heraus entsteht. Und was die Kunst dazu zu sagen hat: politisch, ästhetisch. Und irgendwie auch postdramatisch-immersiv.

Lauwers’ Position (sie findet sich im Programmheft) ist eindeutig zweideutig: «Es ist eine Katastrophe, wenn Politik das Ziel von Kunst wird. Für mich muss Kunst eine dialektische Beziehung zur Kultur, zur Welt haben, in der sie produziert wird.» Kunst, wie es uns Groß­papa Hegel ins Stammbuch schrieb, als «Darstellung der Welt». Aber eben mit anderen Mitteln. Diese Kunst kommt, kosmopolitisch und vielsprachig, durch die Hintertür des ...

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Theater heute Oktober 2019
Rubrik: Festivals, Seite 6
von Jürgen Otten