Foto: Theater Basel

Leer sein, frei sein

Ein Treffen in Basel mit Michael Wächter, dem Nachwuchsschauspieler des Jahres

Offenbar ist es so gut wie aussichtslos, Michael Wächter in einer Denkpause zu erwischen. Der Mann, seit Herbst 2015 Ensemblemitglied am Theater Basel, weiß einfach auf alles eine Antwort, zumindest einem dahergelaufenen Journalisten gegenüber. Das Angenehme daran ist, dass diese Antworten aus lauter sonnenklaren Sätzen bestehen, aus wachen Bemerkungen, spontanen Pointen. Reden ist eben Michael Wächters Element.

Das war so im Publikumsgespräch beim Berliner Theatertreffen, nach drei kräftezehrenden Sternstunden als gehörnter Lehrer Theo in den «Drei Schwestern». Und das ist auch jetzt wieder so, obgleich ihn Ulrich Rasches Regieassistentin mitten aus der Chorprobe reißen muss.

Die Basler Sommerhitze brütet, das Ensemble arbeitet. Die alte Saison fließt spielend in die neue, die Fenster zu Büchner stehen sperrangelweit offen, Versfetzen aus dem «Woyzeck» dringen auf die Gasse. Der Proberaum befindet sich in einem leicht anrüchigen Altstadtwinkel, gleich dürfte ein ausgemergelter Geselle um die Ecke biegen und Erbsbrei an die Wand kotzen. Natürlich geschieht das nicht. Stattdessen öffnet da so ein Tambourmajortyp die Tür, groß, schlank, auf lässige Art athletisch, gewinnendes Lächeln. So einer, dem selbst Badelatschen nichts anhaben – die Frauen blicken ihm trotzdem nach.

Michael Wächter schwitzt. Der Journalist schwitzt. Die wenigen Meter in den nächstbesten Straßencaféschatten reichen dem 31-jährigen Schauspieler zum schnellen Umschalten der Gedanken fürs Interview. Worauf er sich denn eingestellt habe, als er erfuhr, in Ulrich Rasches «Woyzeck»-Fassung die nächste Basler Schauspielsaison zu eröffnen – also mit jenem Regisseur, dessen Münchner «Räuber»-Chöre für den monumentalsten Aufreger in der abgelaufenen Spielzeit verantwortlich waren?

Leer sein, frei sein
 
Super-Vorlage, diese Frage. Ideal, um sich von Michael Wächter auskontern zu lassen. «Mittlerweile», sagt er, «eilt ja jedem, der was zu melden hat, ein Ruf voraus.» Der Eine sei der mit den Faschistenchören; der Andere (gemeint ist Simon Stone) sei der, für den man sich am besten nächtelang Netflix-Serien reinzieht. Oder eben nicht. Vorauseilende Vorbereitung ist nämlich gar nicht Michael Wächters Ding: «Ich hab das noch nie gemacht, ich würde das auch nie machen. Sonst nimmt man doch alles aus der Probe raus.» Lieber lässt er sich «von einer Form einholen», und sei sie noch so fremd. Im Gegenzug pocht er auf das Recht, «eine Probe lang alles falsch zu machen und nicht denken zu müssen, oh Gott, auf diese Idee hätte ich gar nicht kommen dürfen, weil der große Meister eher anderes Theater macht».

Leer sein, frei sein. Als angemessenen Zustand des Schauspielers vor der ersten Probe darf man das im Fall von Michael Wächter durchaus ernst nehmen. Man muss dann allerdings rasch reagieren können und den eigenen Chamäleoninstinkten vertrauen. Was für Michael Wächter ganz grundsätzlich zum Beruf gehört. «Ich bin ja ein großer Freund vom Stadttheater. Derselbe, der am Montag der dicke König war, ist am Dienstag Jago, und am Donnerstag spielt er Rosetta in ‹Leonce und Lena› von Thom Luz und durchmisst geheimnisvoll den Raum.»

Eine, die über Michael Wächters rasche Auffassungsgabe auf Theaterproben Bescheid wissen müsste, ist die Basler Hausregisseurin Nora Schlocker. Schließlich kennt sie ihn aus gemeinsamen Weimarer Zeiten. Fünf Jahre, ab 2010, war Wächter dort am Nationaltheater. «Gute Jahre», findet er, mit schönen Rollen, auch wenn ihm dieses putzige begehbare Museum Weimar manchmal auf den Geist ging, «weil man doch zwischendurch in den H&M möchte, ohne in die Bahn zu steigen». Geboren und aufgewachsen ist Wächter eine gute Stunde weiter östlich, in Leipzig. Ein Highschooljahr in Kalifornien hat ihn zum Schauspielstudium verführt. «Ich war ein Spätzünder», sagt er von sich. Aber einer mit Begabung. Sonst hätte es kaum geklappt, auf der Ernst Busch in Berlin.

Nora Schlocker war die Lotsin auf Michael Wächters Weg nach Basel. Sie mailt aus den Theaterferien. Es sei zwar riskant, als Regisseurin über Schauspieler zu schreiben, mit denen man weiter arbeiten möchte, aber sie versuche es trotzdem, entschuldigt sie sich. Und bringt es dann auf den Punkt, so charmant wie treffend: «Michael Wächter ist vor allem außerordentlich begabt. Manchmal finde ich das etwas unheimlich. Er ist ein schneller, intelligenter Spieler mit einer großen Aufmerksamkeit und Bereitschaft zum Mitdenken. Zugleich ungeduldig, begierig danach, gefordert zu werden. Auf eine Art ein Alleskönner, mit der Sehnsucht nach und auch Angst vor dem Moment, wo es schwierig wird. Er hat Rhythmus, Gespür und Lust zu spielen. Sich zu verausgaben.»

Theos Lebenslügenpotenzial

Seit dem ersten Bühnenmoment in der Intendanz von Andreas Beck, seit Tony Kushners zweiteiligem Monumentaldrama «Engel in Amerika» (Regie: Simon Stone) im Herbst 2016, weiß das Basler Publikum, wie wunderbar sich dieses Ensemble verausgaben kann. Seit den «Drei Schwestern» wissen es auch alle anderen. Die Inszenierungen ähneln sich insofern, als Stone in beiden Fällen keine Hierarchie zwischen Haupt- und Nebenfigur, zwischen Haupt- und Nebenhandlung zulässt. Jede Episode ist bedeutsam, jede Figur wichtig, alle Darsteller spielen auf Topniveau. Dennoch sticht einem Michael Wächter sofort ins Auge. In «Engel in Amerika» spielte Wächter den uneingestanden schwulen Nachwuchsadvokaten Joe. «Küsschen, Kumpel?», fragt Joe artig seine Frau, bevor er sich ihr nähert. Küsschen, Kumpel. Wurde jemals die Verlogenheit der Ehe in zwei Worten entlarvt, dann mit diesen. Und wurde jemals die Verlorenheit eines jungen Mannes entlarvt, der immer nur so lebt, wie es die anderen von ihm erwarten, dann von Michael Wächter.

In dieser Hinsicht ist der Mormone Joe eine Vorstudie für den Tschechowschen Gymnasiallehrer Fjodor Iljitsch Kulygin, der bei Simon Stone Theo heißt und sich mit Mascha, der mittleren der «Drei Schwestern», womöglich auf ewig in der Illusion eines funktionierendes Paares einrichten könnte, stünde nicht eines Tages dieser Fremde vor der Terrassentür. Theo wird von Mascha als Bettgenosse ausgewechselt wie ein allzu selbstbewusster Torhüter, der plötzlich den Ball zwischen den Beinen durchrutschen lässt. Ein bisschen unverdient, aber völlig zu Recht.

Und Michael Wächter, der für diese Rolle beim Theatertreffen den Alfred-Kerr-Darstellerpreis erhalten hat, macht die dünne Schutzhülle Theos immer durchsichtiger. Bis an jenen Punkt, an dem zu befürchten ist, jetzt platzt dem gleich der Kopf – oder er schlägt seinem Rivalen den Schädel ein. Was geschieht, ist aber viel einleuchtender, und viel sehenswerter. Michael Wächter schöpft das Lebens­lügenpotenzial seiner Figur bis zur Neige aus: Am Tag seiner existenziellsten Niederlage hinterfragt dieser Pädagoge nicht etwa seine Methode, sondern er reißt vor sich selbst das Maul auf und tröstet sich mit der Aussicht auf die hübschen Mädchen, die in seinem Kosmos der Illusionen bereits Schlange stehen.

m Gegensatz zu Theo kennt Michael Wächter sehr wohl professionelle Bescheidenheit. Den Erfolg der Inszenierung rechnet er unumwunden dem Kollektiv zu, das Simon Stone in Basel um sich geschart hat. «Bei Simon gibt es von Tag eins ein phänomenales Vertrauen im Raum, so dass man ihm als Schauspieler überallhin folgt. Man kann darauf vertrauen, dass man interessant ist – und dass man nicht interessant tun muss.» Und will man nach einem Erlebnis wie den «Drei Schwestern» gleich das nächste Stück machen? «Unbedingt», gesteht Wächter frei heraus. Aber aufs Stadttheaterengagement verzichten und nur noch mit dem einen Regisseur touren, gewissermaßen das Marthaler-Familienmodell, das entspräche dann doch nicht Wächters erster Wahl. Dafür sehnt er sich zu sehr nach Abwechslung. Nach der Clownsmaske, nach der Tortenschlacht – oder auch nach dem Uli-Rasche-Chor, der frontal zur Rampe marschiert.

«Ich glaube, die Reise von Michael geht erst los», sagt Basels Intendant Andreas Beck über die Karriereaussichten des Kerr-Preisträgers. Die Basis sei gelegt, jetzt müsse er nur den Mut an den Tag legen, «sich und andere zu überraschen», zum Beispiel mit Brüchigkeit, mit den Kehrseiten des Siegertypen.

Und welcher Schauspieler wäre Michael Wächter gern, wenn er ein, zwei Generationen älter wäre? «Hmmm», macht Michael Wächter. Ein Trommeln auf dem Tisch. «Theater oder Film?», fragt er zurück und gönnt sich unverhofft doch noch eine Denkpause. Dann sagt er: «Ich verehre Martin Wuttke schon sehr.» Erneute Pause. «Robert De Niro ... nein, der macht nur noch schlechte Filme.» Alsdann, sehr entschlossen: «Der junge De Niro. Der junge Al Pacino. Der junge, der mittlere und der fortgeschrittene Mads Mikkelsen.» Wir sind beeindruckt. Und Michael Wächter verschwindet in der Richtung, aus der Büchners Verse auf die Gasse dringen.
 


Theater heute Jahrbuch 2017
Rubrik: Schauspieler*innen des Jahres, Seite 100
von Stephan Reuter