Mystische Weltmusik

Olga Tokarczuk «Die Jakobsbücher» im Thalia Theater Hamburg

Würde nicht André Szymanski diesen Jakob spielen und das mit einer so überzeugend lässigen Ernsthaftigkeit, mit einem so nachdenklichen, ruhigen Ton, dann wäre man am Ende etwas verstimmt. Denn an den Schluss ihrer Inszenierung der «Jakobsbücher» setzt Ewelina Marciniak einen Kommentar, der den titelgebenden Helden wohl auf den Boden der feministischen Tatsachen zurückholen soll. Bis dahin sind ihm schon Tausende gefolgt, haben in ihm einen Messias gesehen, einen Visionär. Bis dahin ist er aus Polen geflohen, hat die Religionen gewechselt wie manch anderer seine Socken.

Jetzt, am Ende seiner Reise, gibt Marciniak ihm Raum für ein Zwiegespräch mit seiner Tochter Ewa (Rosa Thormeyer). Er wünsche sich einen weiblichen Messias herbei, eine «Messiasin, heißt es so?», und will «ein neues Wort erschaffen, das zu einer neuen Welt passen wird». Zufrieden legt er dann den Kopf in Ewas Schoß, ihr platinblondes Haar schließt sich wie ein Vorhang um die beiden. 

Am Schluss taucht es also noch auf, das Gender-Thema, der feministische Impact. Und man ist geneigt, diesem Jakob sein halblautes Sichselbst-Hinterfragen wohlwollend durchgehen zu lassen. Doch so ganz wird man das Gefühl nicht los, ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute November 2021
Rubrik: Chronik, Seite 57
von Katrin Ullmann

Weitere Beiträge
Die eiserne Maske

Noch bevor es richtig losgeht, besteht erhöhter Aktualisierungsbedarf. Sophie Stockinger, später die Darstellerin des jungen Revolutionärs Pawel, entert die Bühne und zitiert feurig einen Aufsatz zur Arbeiterklasse und Arbeiterbewegung im 21. Jahrhundert aus einer 2003 erschienenen Nummer von «Z – Zeitschrift für marxistische Erneuerung». Darin wird Marx zwar sanft...

Im Gesundheitsgetriebe

Es ist eine gute Sache, wenn man Krankheiten frühzeitig entdeckt. Dann lässt sich noch was machen. Und für die Umgebung ist es auch praktisch, wenn man frühzeitig über den Gesundheitszustand des Gegenübers Bescheid weiß: Wenn klar ist, dass ein potenzieller Liebhaber den Hang zur Depression in sich trägt, dann verliebt man sich vielleicht besser nicht in ihn. Wenn...

Vanitas auf der Wiese

Noch ist das Zürcher Theaterspektakel nicht das alte; sanitäre Auflagen schränken es an allen Ecken ein. Denn was das «Speki» im Kern ausmacht, ist ja das pure Gegenteil von Corona-verträglich: ein großes Durcheinander, ein Kunstvolksfest auf der Wiese am See, bei dem sich Passant:innen und Theatergänger:innen mischen, Straßenkünstler:innen mit den eingeladenen...