Mut zur Lücke

Das neue Jahrzehnt beginnt mit diesem Heft. Vorschläge für die Zukunft vom Regisseur des Jahres

Was wünsche ich mir für das Theater in diesem neuen Jahrzehnt? Foyers, die lichtdurchflutet sind, wären gut. Mit geöffneten Fenstern und Schlingpflanzen, besonders im Sommer. Was noch? Dass es am Ende dieses Jahrzehnts selbstverständlich geworden sein wird, dass die Spieler*innen beim Applaus die Bühne mit den Mitarbeiter*innen von Ton, Licht, Video, Technik, Requisite, Maske, Inspizienz und Soufflage teilen, wie sie es während der Vorstellung ja auch getan haben. 

Achso, und überhaupt wäre es an der Zeit, eine Alternative zum Akt des Verbeugens zu erfinden.

Ich habe diesen Brauch aus höfischer Zeit nie so richtig verstanden. Warum neigen die Spieler*innen ihr Haupt? Für wessen Gunst bedanken sie sich da so demütig? Und wie sähe eine Alternative aus? Winken? Sieht albern aus. Einfach nur rumstehen und grinsen? Wirkt entweder verkrampft oder arrogant. Zurückklatschen? Ist sicherlich nicht gut. Headbanging zum tosenden Applaus oder halbherzigesAbklatschen des Publikums? Vielleicht. 

Ansonsten? Weniger Zynismus. Und: mehr Mut zur Lücke. Und mit der Lücke meine ich nicht nur die sprichwörtliche, sondern auch die ganz konkrete im eigentlichen Sinne des Wortes: mehr Mut zur Lücke im Zuschauerraum. Vielleicht ist 2020 das Jahr, in dem es uns gelingt, die Angst vor leeren Reihen zu überwinden. Ich habe den Eindruck, dass wir im Moment auf die Angst vor der Irrelevanz unseres Mediums – denn nichts anderes ist die Hysterie um prozentuale Auslastungen und die Angst vor schwindenden Zuschauerzahlen als der in Zah­len fassbare Ausdruck unseres Misstrauens gegenüber dem Medium, mit dem wir arbeiten – dass wir auf diese Angst reagieren, indem wir den Dramaturgien anderer publikumsstärkerer Medien nachzueifern suchen. 

Eine besonders beliebte (und meiner Meinung nach besonders fruchtlose) dieser Ersatzdramaturgien ist zum Beispiel die «Netflixication» kanonischer Texte – also das Nachdichten von Klassikern im Stil einer Netflix-Serie. Eine andere ist das Nachbauen der ästhetischen Erfahrungswelten bildender Künstler*innen. Von der ersten Strategie erhoffen wir uns, die Theaterlaien ins Haus zu holen, von der zweiten, die Theaterprofis und Kunstnerds im Haus zu halten. Natürlich funktioniert beides nur in den seltensten Fällen. 

Theater als Medium unterscheidet sich so deutlich von Netflix und den Museen, dass es auf der Strecke bleibt, wenn es ihnen hinterher zu rennen versucht. Es ist wie bei Olympia: Das Theater hat Jahrtausende lang für den 400m-Lauf trainiert und versucht jetzt, sich im 100m-Lauf mit den Supersprintern von Netflix und im Marathon mit den Ausdauertalenten aus dem Museum anzulegen. Und natürlich kann es da nicht mithalten, das Theater. 

Was tun? Vielleicht wird’s eben nur besser, wenn wir riskieren, vor leeren Reihen zu spielen.

Insel des Experiments

Im Moment bildet die Oberflächenpolitur kanonischer Texte das Gravitationszentrum eines jeden Spielplans im deutschsprachigen Raum. Ich hoffe, dass sich das im neuen Jahrzehnt endlich ändert, weil wir verstehen, dass sich damit das Schrumpfen des Publikums nicht aufhalten lässt. Ja, vielleicht ist es sogar notwendig für die ersten Schritte auf dem Weg zu einem neuen Theater, dass wir das Schrumpfen des Publikums als befreiendes Moment behaupten. Nur so lässt sich das Theater als Insel des unbedingten Experiments neu erfinden. Meinetwegen vor leeren Reihen. Ich glaube fest daran, dass irgendwann ein neues Publikum dieses mutige, suchende, strauchelnde, verzweifelnde, brennende Theater für sich entdeckt und dass dieses Publikum, von dem wir heute nicht einmal zu träumen wagen, die Reihen langsam wieder füllt, bis sie bersten.

Die Voraussetzung dafür wäre, noch einmal aufs Ganze zu gehen. Das Ausweichen auf Dramaturgien anderer Medien wäre mit sofortiger Wirkung einzustellen. Stattdessen müssten wir uns erneut auf die Suche machen nach den spezifischen Dramaturgien des Theaters. Hier klafft sie wieder, die Lücke. 

Was fehlt, sind theaterspezifische Dramaturgien: zeitgenössische Welt­entwürfe, die sich nur im Theater ereignen können, weil ihre Prämisse die analoge Kopräsenz von denkenden, atmenden Zuschauer*innen und denkenden, atmenden Spieler*innen ist. Das brauchen wir, das suchen wir – was auch immer das für jeden Einzelnen heißt und was auch immer es vom Theaterbetrieb erfordert. Ich hoffe, wir finden es im neuen Jahrzehnt. 

Christopher Rüping wurde für seine Inszenierung «Dionysos Stadt» an den Münchner Kammerspielen im Jahrbuch 2019 zum Regisseur des Jahres gewählt.


Theater heute Januar 2020
Rubrik: Foyer, Seite 1
von Christopher Rüping