Mehrzweckraum des Grauens
Die Kunst des intelligenten Trollens besteht darin, das Gegenüber so zu reizen, dass es sich selbst diskreditiert. Im Netz klappt das prächtig, manchmal unfreiwillig. Beispiel Twitter: Man kann dort einen Hamburger Innensenator als «Pimmel» bezeichnen, was zunächst nicht so intelligent klingt. Heißt dieser Andy Grote und reagiert die ihm unterstellte Polizei auf die fast niedliche Beleidigung mit einer Hausdurchsuchung, ist klar, wer verloren hat.
Ein Troll, nur analog, ist auch Knut Hamsuns Romanfigur Johan Nagel. Er irritiert und provoziert.
Er ist neugierig, distanzlos, irrlichternd. Und er bringt im Roman «Mysterien», den Johan Simons zum Saisonauftakt in Bochum für die Bühne adaptiert, eine ganze Kleinstadt aus dem kommunalen Gleichgewicht des Denk- und Sagbaren.
Da piesackt zum Beispiel, wie hier üblich, der angesehene «Bevollmächtigte» des Hafenstädtchens (William Cooper) einen Mann mit leichter Behinderung namens Minute (Guy Clemens). Steven Scharf, der den eben Zugezogenen Nagel spielt, sitzt abseits in einem Campingstuhl. Plötzlich wendet er sich dem gequälten Minute zu und sagt laut, aber freundlich: «Wenn Sie Ihr Glas nehmen und es diesem Bengel auf den Kopf hauen, ...
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Theater heute November 2021
Rubrik: Aufführungen, Seite 20
von Cornelia Fiedler
Burkhard C. Kosminski hat sich für sein Klimawochenende zur Saisoneröffnung als neues Stück «Ökozid» vorgenommen, nach dem gleichnamigen Film von Andres Veiel und Jutta Doberstein, der im November 2020 im Rahmen einer ARD-Themenwoche im Fernsehen ausgestrahlt worden war. Der Plot ist fiktiv und spielt in der nahen Zukunft. Man schreibt das Jahr 2034. Die...
Das Leben in der Provinz, ein Bild, das überall erstaunlich ident aussieht: Man hängt mit Freunden ab, grillt in der Gartenlaube, trinkt zu viel Dosenbier, um dann, je nach Temperament, melancholisch zu werden oder sich zu prügeln. Und davon zu träumen, endlich alles hinter sich zu lassen und den nächstbesten Bus in die Hauptstadt zu nehmen. Nach Moskau!
Oder nach...
Bei der Frage nach der Kostümbildnerin des Jahres hat sich Katrin Wolfermann schon mal in eine recht gute Position gebracht. Sandra Gerlings Gruschenka trägt in Oliver Frljics Inszenierung von Dostojewskis «Die Brüder Karamasow» am Deutschen Schauspielhaus Hamburg ein von Wolfermann entworfenes Kleid, irgendwo zwischen Trauerflor und Bondage-Geschirr, und als sie...
