Manuel Gerst/Monster Truck: Staat der Dicken

Erst im Tod sind alle verschieden

Unser Staat ist ein Staat der Dicken. Wer zu wenig wiegt, muss essen. Aber nur bis zu einem Limit; wer zu fett wird, muss wieder abnehmen. Der Dickste ist nicht der Chef. Es gibt keinen. Alle sind gleich dick. Da kann sich keiner beschweren, dass jemand mehr oder weniger hat. An Leibesfülle. Jeden Morgen um Punkt sechs Stelldichein beim Bäcker. Ein Stück Sahnetorte, nicht mehr. Baguettes und Croissants jeweils drei. Jeder Mensch hat eine Waage auf Rollen, auf der er sich wie auf einem Skateboard fortbewegt, so dass er immer über sein Gewicht Bescheid weiß.

Wenn man doch zu viel oder zu wenig auf den Hüften hat, geht man in die Abspeckzelle bzw. in Einzelhaft beim Konditor. Selbstgewählt und glücklich.

Wer zu kurze Arme hat, bekommt Verlängerungen, wer zu klein ist, Stelzen. In jedem Dorf darf es nur einen Friseur geben, der nur einen Haarschnitt kann. Und sein Kollege ist ein Haarfärber. Einmal im Monat geht ein jeder Bürger zu ihm, um sich die Haare färben lassen. Damit es nicht gar zu eintönig wird, bekommt jeder Monat eine eigene Farbe. Der Juli ist z. B. blau, der Dezember aber rot. Ein Malermeister malt die Haut in der gleichen Farbe an, das muss aber jeden Tag passieren, da ...

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Theater heute Jahrbuch 2017
Rubrik: Der ideale Staat, Seite 38
von Manuel Gerst/Monster Truck