Männliches Museumsstück

Ferenc Molnar «Liliom»

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Was für ein moderner Mann. Wechselt die Frauen wie die Hemden und behandelt sie wie Putzlappen, und wenn sie dabei sanften Widerspruch anmelden, haut er ihnen eine «aufs Maul», wie es dann heißt. Der prähistorische Macho, intellektuell bestenfalls auf Tresenhöhe und nicht einmal zu einem kleinen Raubüberfall in der Lage, trifft zumindest bei Molnar auf die Richtige: Julie, eine heiligengleich Liebende, die großzügig duldet, bald schwanger wird und noch postum das Andenken des Schlägers und Säufers wahrt.

Ferenc Molnars «Liliom» hat nach heutigen Maßstäben alle Eigenschaften, um schnellstens vergessen zu werden. Seltsamerweise ist das Gegenteil der Fall. Michael Thalheimers Wiederentdeckung des Stücks 2000 im Hamburger Thalia Theater wurde zum Theatertreffen einladen und hat die «Vorstadtlegende» als eher zeitlos ab­strak­tes Liebesdrama gedeutet mit starker Tendenz zum Verhängnis: Wenn der Gefühlsblitz in menschliche Herzen – oder wo auch immer – ein­schlägt, fragt man besser nicht mehr nach Gründen. Sondern lässt den Dingen ihren Lauf.

In Dresden scheint man aber wenigstens ein schlechtes Gewissen zu haben, zumindest neigt das Programmheft zur vorauseilenden Entschuldigung: Liliom ...

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Theater heute August/September 2012
Rubrik: Chronik, Seite 56
von Franz Wille

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