Liebe Leserin, lieber Leser

Die Zeit ist aus den Fugen. Wir hätten nie gedacht, dass unsere Städte und Länder den Shutdown erleben, dass Theater schließen, Opern nicht mehr spielen, Tänzer nicht mehr tanzen; jedenfalls nicht mehr öffentlich auf der Bühne, sondern bestenfalls im Streaming. 

Menschenleben stehen «zur Disposition», wenn nicht mehr allen gleichermaßen geholfen werden kann. Wie es in unseren Krankenhäusern und auf unseren Straßen, in unserem Gemüt und in unseren Köpfen aussehen wird nach Ostern, wenn dieses Heft Sie – hoffentlich gesund – erreicht, das kann jetzt niemand wissen.

Erleben wir die Erschütterung der Grundfesten unserer Gesellschaft und damit auch des Kulturlebens – oder demnächst eine Renaissance der Zivilgesellschaft und der Künste? 

Was wird währenddessen aus den frei arbeitenden KünstlerInnen, den vielen EinzelkämpferInnen, den nun Vereinzelten? Wie schnell erreicht sie die versprochene Soforthilfe? Bevor sie privat insolvent werden und die Miete nicht mehr zahlen können? Was wird aus den vielen Freien Theatern und Gruppen? Wer kompensiert die fehlenden Kasseneinnahmen? 

Wenn die Häuser wieder öffnen (zu Saisonbeginn?), werden die Zuschauer dann so auf Abstand sitzen wie die Abgeordneten bei der Bundestagssitzung Mitte März? Wird beim Einlass Fieber gemessen bei jeder und jedem? Wer und wie wird kontrolliert? Wer bezahlt die zusätzlichen Sicherheitsmaßnahmen? Müssen die Theater eine neue mediale Infrastruktur schaffen, um nicht nur ein eventuell zahlenmäßig kleineres Publikum direkt im Hause, sondern zeitgleich Zuschauer auch online zu erreichen? Dass vor leerem Parkett gespielt wird nur für die Kameras, das will man sich nicht vorstellen müssen. Theater ist live!

Hinzu kommen Fragen grundsätzlicherer Natur: Wird unsere bislang wohlhabende Gesellschaft noch wohlhabend genug sein, ihren gewohnten kulturellen Reichtum zu finanzieren? Wird sie es, angesichts der Fülle konkurrierender und zu finanzierender Aufgaben, noch frag- und klaglos wollen? Oder gelten Schauspiel, Oper und Tanz demnächst als «Unterhaltung», die nicht lebensnotwendig erscheint? 

Hinzu kommt aber auch das wirklich Prinzipielle: Werden die demokratischen Institutionen – die Parlamente, die obersten Gerichte, unterstützt durch die Medien – stark genug sein, die Bürgerrechte, die in Zeiten der Seuche – ja durchaus mit gutem Grund – zeitweilig suspendiert worden sind, in vollem Umfang wiederherzustellen? 

Die Welt ist aus den Fugen. Die Zeit rast und steht still. Wir müssen gleichzeitig mitlaufen und innehalten, um mit- und standhalten zu können. Dieses Paradox und die oben skizzierten Überlebensfragen werden traditionell und zu Recht in unserer Gesellschaft nicht zuletzt in und mit den Künsten verhandelt. Das sollte uns, bei allen realen Problemen und berechtigten Ängsten, optimistisch stimmen. 

Diese Ausgabe von «Theater heute» wurde noch in «Zeiten der Unschuld» konzipiert, in einer Theater-Welt, wie es sie «vor Corona» gab – und hoffentlich noch lange «nach Corona» geben wird. 

Natürlich haben wir umgeplant und nachgefragt bei Theaterkünstler­Innen, was es bedeutet, wenn sie nicht mehr live vor Publikum spielen, singen, tanzen, wenn sie nicht mehr probieren können. Was machen sie, die in der Regel im Team arbeiten und auftreten, mit sich allein im Homeoffice? Sie finden im Heft unterschiedliche Momentaufnahmen aus einer Zeit der Stille, des Stillstands. 

Gewiss ist, dass die nächsten Ausgaben von «Theater heute» anders aussehen werden als gewohnt. Vielleicht nachdenklicher, vielleicht auch melancholischer. Wir müssen selbst Themen setzen, die nicht von der Aktualität einer neuen Aufführung, allerdings auch nicht nur von der Krise bestimmt sind. Das Unplanbare muss geplant werden. Wir sind auf Ihre Anregungen gespannt. 

Das gesamte Team des Theaterverlags und ich persönlich wünschen Ihnen vor allem Gesundheit, privates Glück und selbstverständlich berufliches, künstlerisches Überleben. Zu Letzterem wollen wir kraftvoll beitragen. Bleiben Sie uns gewogen, bleiben Sie uns treu. Lassen Sie uns gemeinsam die Krise auch als Impuls begreifen für ein neues Wir-Gefühl, für einen neuen Geist in unserer Kultur- und Zivilgesellschaft, deren Wert wir in diesen Wochen aufs Neue schätzen lernen. 

Herzlich, Ihr Michael Merschmeier 

Der Theaterverlag, Anfang April 2020

 

PS: Unlängst sah ich bei einem Spaziergang durch das sonnige Wien, wo ich im Homeoffice festsitze, an der Bauhütte des Stephansdoms Fotos von der am 12. April 1945 zerstörten Kathedrale; von den Türmen des Doms läuteten um 12 Uhr zwölf Glocken über den menschenleeren Platz. Da dachte ich: Andere haben vor uns noch weit Schlimmeres geschafft.

Der Theaterverlag spendet 2.500 € an die #takecare-Initiative des Fonds Darstellende Künste, um damit die Förderung von Vorhaben freier darstellender Künstler*innen, die in Zeiten der Corona-Krise von Einnahmeausfällen betroffen sind, zu realisieren. Mit jedem neu abgeschlossenen Online-Jahres-Abo von Theater heute, Opernwelt und Tanz gehen bis auf Weiteres 50 € an den Fonds. Sobald mehr als 50 neue Abos abgeschlossenen sind, stiften wir wieder 2.500 €. Bitte machen Sie mit!

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Theater heute Mai 2020
Rubrik: Foyer, Seite 1
von Michael Merschmeier