Karusselle der Macht
Zum Ende der Spielzeit noch einmal großes Kanon-Aufgebot in München, jeweils fast ohne aufdringliche Aktualisierung, dafür aber mit einem konzeptionellen Frische-Kick. Am Residenztheater hat Nora Schlocker für Schillers Königinnen-Duell «Maria Stuart» eine ungewöhnliche Besetzungslotterie vorgesehen: Per Zuruf entscheidet zu Beginn jeder Aufführung eine zufällig bestimmte Person aus dem Publikum, ob an diesem Abend Pia Händler oder Lisa Stiegler in der Titelrolle sterben wird. Jeweils die andere darf entsprechend als Elisabeth triumphieren.
Dagegen wird am Volkstheater in Kleists Lustspiel «Der zerbrochne Krug» der Schuldige klassisch ermittelt. Dafür deklariert Regisseur Mathias Spaan mit Hilfe einer provisorisch eingezogenen Dokumentarfilm-Ebene die aufzuklärenden Ereignisse als Rückblende und die Wahrheit als Konstrukt der Macht.
Hätte es schon damals Donald Trumps Definition alternativer Fakten gegeben, wäre Kleists Dorfrichter Adam wahrscheinlich zu einem glühenden Verfechter geworden, um seine Unschuld allem Anschein zum Trotz weiter zu behaupten. Ein Musterbeispiel schweren sexualisierten Machtmissbrauchs im Amt ist er sowieso, und im Grunde kann Kleists ödipales Lustspiel ...
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Theater heute Juli 2024
Rubrik: Aufführungen, Seite 15
von Silvia Stammen
Mit einer rosa Picknick-Decke, Strohhüten auf dem Kopf und ordentlich Lametta – ganz nach dem Motto «Früher war mehr und so weiter», haben wir es uns vor dem Haus der Berliner Festspiele gemütlich gemacht. Bevor die nahenden Zuschauer:innen-Massen und Theatermacher:innen die kalten, dunklen, staubigen, paddong, ich meine natürlich goldenen Säle und vom Licht der...
Woyzeck steht da, alleine, verzweifelt, psychotisch. Die Mauern, die eben noch einen Raum ergaben, fahren um ihn zusammen und umschließen ihn. In den Wänden gibt es viele Türen, viele Wege, doch nun sind alle geschlossen. Woyzeck verschwindet im Kerker. Zuvor hatte er Marie stehen lassen, ihr seine paar Groschen Zulage zukommen lassen, doch sie will eigentlich...
Das Jubiläumsjahr ist gerade halb rum, und schon fragt man sich bang, wie viele Kafka-Inszenierungen da noch kommen werden? Und ob sich die Texte dieses unbestritten wichtigen Erzählers eigentlich für die Bühne eignen? «Einerseits überhaupt nicht», konstatiert die Regisseurin und Co-Schauspieldirektorin am Theater Mag -deburg Clara Weyde, «weil die Darstellung des...
