Karusselle der Macht

Mathias Spaan untersucht Heinrich von Kleists Lustspiel «Der zerbrochne Krug» am Münchner Volkstheater, und Nora Schlocker lässt das Publikum über Friedrich Schillers «Maria Stuart» am Residenztheater entscheiden

Theater heute - Logo

Zum Ende der Spielzeit noch einmal großes Kanon-Aufgebot in München, jeweils fast ohne aufdringliche Aktualisierung, dafür aber mit einem konzeptionellen Frische-Kick. Am Residenztheater hat Nora Schlocker für Schillers Königinnen-Duell «Maria Stuart» eine ungewöhnliche Besetzungslotterie vorgesehen: Per Zuruf entscheidet zu Beginn jeder Aufführung eine zufällig bestimmte Person aus dem Publikum, ob an diesem Abend Pia Händler oder Lisa Stiegler in der Titelrolle sterben wird. Jeweils die andere darf entsprechend als Elisabeth triumphieren.

Dagegen wird am Volkstheater in Kleists Lustspiel «Der zerbrochne Krug» der Schuldige klassisch ermittelt. Dafür deklariert Regisseur Mathias Spaan mit Hilfe einer provisorisch eingezogenen Dokumentarfilm-Ebene die aufzuklärenden Ereignisse als Rückblende und die Wahrheit als Konstrukt der Macht.

Hätte es schon damals Donald Trumps Definition alternativer Fakten gegeben, wäre Kleists Dorfrichter Adam wahrscheinlich zu einem glühenden Verfechter geworden, um seine Unschuld allem Anschein zum Trotz weiter zu behaupten. Ein Musterbeispiel schweren sexualisierten Machtmissbrauchs im Amt ist er sowieso, und im Grunde kann Kleists ödipales Lustspiel ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Juli 2024
Rubrik: Aufführungen, Seite 15
von Silvia Stammen

Weitere Beiträge
«Fünf unfassbar lehrreiche Jahre»

Andreas Klaeui Zum Einstieg bitte ich Sie, alle eine Arbeit aus den letzten fünf Jahren zu benennen, die für Sie wichtig ist, ohne Scheu vor Auslassungen – es darf auch eine eigene sein –, und in einem Satz zu sagen, warum sie für Sie relevant ist. 
Nicolas Stemann Es fällt mir schwer, mich festzulegen. Es gab in diesen fünf Jahren so viele interessante Erlebnisse,...

Auf der Suche nach dem intimen, experimentellen Spirit

Stefanie Carp Under The Radar wurde im Mai abgesagt. Ende Juli hast du ein neues Under the Radar angekündigt. Wie macht man das? 
Mark Russel Ich war erst mal ein bisschen geschockt. Der Grund war Geld, aber auch die Struktur. Die Zusammenarbeit mit dem Public Theater war immer schwieriger geworden. Es ist eine große Institution, die verpflichtet ist zu...

Showroom 7/24

BASEL, KUNSTMUSEUM bis 27.10., When We See Us. Hundert Jahre panafrikanische figurative Malerei
Zur Frage, wie Künstler:innen des afrikanischen Kontinents und seiner Diaspora den Alltag in den letzten 100 Jahren erlebt und künstlerisch verarbeitet haben, unternahm das Team rund um Koyo Kouoh, Direktorin und leitende Kuratorin des Zeitz MOCAA im südafrikanischen...