Karusselle der Macht
Zum Ende der Spielzeit noch einmal großes Kanon-Aufgebot in München, jeweils fast ohne aufdringliche Aktualisierung, dafür aber mit einem konzeptionellen Frische-Kick. Am Residenztheater hat Nora Schlocker für Schillers Königinnen-Duell «Maria Stuart» eine ungewöhnliche Besetzungslotterie vorgesehen: Per Zuruf entscheidet zu Beginn jeder Aufführung eine zufällig bestimmte Person aus dem Publikum, ob an diesem Abend Pia Händler oder Lisa Stiegler in der Titelrolle sterben wird. Jeweils die andere darf entsprechend als Elisabeth triumphieren.
Dagegen wird am Volkstheater in Kleists Lustspiel «Der zerbrochne Krug» der Schuldige klassisch ermittelt. Dafür deklariert Regisseur Mathias Spaan mit Hilfe einer provisorisch eingezogenen Dokumentarfilm-Ebene die aufzuklärenden Ereignisse als Rückblende und die Wahrheit als Konstrukt der Macht.
Hätte es schon damals Donald Trumps Definition alternativer Fakten gegeben, wäre Kleists Dorfrichter Adam wahrscheinlich zu einem glühenden Verfechter geworden, um seine Unschuld allem Anschein zum Trotz weiter zu behaupten. Ein Musterbeispiel schweren sexualisierten Machtmissbrauchs im Amt ist er sowieso, und im Grunde kann Kleists ödipales Lustspiel ...
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Theater heute Juli 2024
Rubrik: Aufführungen, Seite 15
von Silvia Stammen
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In den sehr lesenswerten Studien zu Praktiken der Evidenzproduktion im 17. Jahrhundert (Jan Lazardzig et al., 2006) wird der im sächsischen Kurfürstentum geborene und aufgewachsene Gottfried Wilhelm Leibniz mit seiner «Spektakel Akademie» zitiert, in der er Mathematiker, Musiker, Bildhauer, Ingenieure, Scharlatane oder Dichter für öffentliche Experimente, Komödien,...
In den letzten Wochen der Direktion Martin Kušej veranstaltete das Burgtheater eine kleine Serie von Zoom-Gesprächen, in denen Schauspieler:innen, Regisseur:innen, Dramaturg:innen und der Intendant selbst ausgewählte Inszenierungen aus den vergangenen fünf Spielzeiten besprachen. In diesen soft moderierten Talks («Wie findest du deine Stoffe?»), die auf dem...
