Jetzt wird’s schmutzig
In einer zentralen Szene von Benjamin von Stuckrad-Barres vor einem halben Jahr erschienenem Roman «Noch wach?» wird eine Baustelle besichtigt. Der Verleger des im Buch als Fernsehsender beschriebenen, aber verhältnismäßig klar als teiljournalistischer Mischkonzern Springer erkennbaren Medienunternehmens führt seine Untergebenen durch den Rohbau der neuen Verlagszentrale und beschreibt, wie hier in Zukunft gearbeitet werden soll: hierarchiefrei, kreativ, high-performing.
Die Szene ist wichtig, weil in ihr das Denken der Figuren offenbar wird, eine wilde Mischung aus kalifornisch inspirierten New-Work-Theorien, libertärem Elitedenken, knallharter Ellenbogenpolitik und einem journalistischen Ergebnis, das am Ende doch wieder auf «Angst, Hass, Titten und Wetterbericht» (Die Ärzte) hinausläuft, formuliert im wunderbar hohlen Marketing-Sprech, den kaum jemand so gut beherrscht wie Stuckrad-Barre.
Für Christopher Rüpings Romandramatisierung hat Peter Baur die Bühne des Hamburger Thalia Theaters erst einmal entleert. Die Baustelle ist tatsächlich ein offener Nicht-Ort, auf dem der ständige Regen tiefe Pfützen hinterlassen hat: «Im Oktober geht er los und ist vor März niemals zu Ende, ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Oktober 2023
Rubrik: Aufführungen, Seite 6
von Falk Schreiber
Die Briefe von Felix Ganz gehen unter die Haut. Eben noch ein wohlhabender Teppichgroßhänd -ler und Fabrikant in Mainz mit internationalen Verbindungen, einer großen Villa am Rhein und rauschenden Festen, haben ihn die Nazis enteignet, entwürdigt und mit seiner Frau Erna in ein kleines Zimmer im Mainzer «Judenhaus» gegenüber der Gestapo-Zentrale verbannt. Seine...
Am 11. Juli dieses Jahres starb der 1949 im Berliner Osten geborene, durch die produktive Zusammenarbeit mit Heiner Müller bekannt gewordene Maler-Bühnenbildner Hans-J. Schlieker, der alles Sehbare sehen, alles Einsehbare vergessen und nur Künstler sein wollte. Interessiert nur an dem, was ist, jenseits von Begriffen und Beschreibung. Er hielt Kunst als Tätigkeit...
Was macht der Mond über Soho? Er leuchtet, scharlachrot. Schwebt aber nicht liebevoll-frei, besänftigend über Menschen und Dingen. In ihm steckt ein Stachel, auch rund um den Himmelskörper gruppieren sich farbige Figuren, denen das Sentimental-Sehnsüchtige abgeht. Sie alle sind Teil eines Bühnenbildes von Magda Willi, das dem Suprematismus nachempfunden ist und die...
