Jahrhundertleben
Wenn sie während des «Festival Internacional de Ballet» zu ihrem Logenplatz im ersten Rang des Gran Teatro von Havanna schritt, oft am Arm von Fidel Castro, sprang das Publikum von den Sitzen. Minutenlanger Applaus brandete auf. Wem er mehr galt, dem Máximo Líder oder der Primaballerina assoluta, blieb ungewiss. Ohnehin wurde Alicia Alonso als heimliche First Lady der Inselrepublik angesehen, war ungleich populärer als Castros eher versteckte Gattin.
Wenn -Alicia, wie jedermann sie nannte, nach der Vorstellung – wegen der überauswärts fixierten Hüften bei zwei Begleitern untergehakt – dem Theaterausgang zustrebte, bildeten die Zuschauer ehrfürchtig eine Gasse, klatschten ihr begeistert zu. Alicia war schon zu Lebzeiten ein unverrückbares Denkmal ihrer selbst. Jeweils an einem Festivalnachmittag lud sie uns ausländische Journalisten zum Essen ein, war elegante Gastgeberin und beredt charmante Gesprächspartnerin auch bei bisweilen heiklen Fragen. Noch im vorgerückten Alter stellte die seit Langem Erblindete neue Choreografien vor, so 2006 ihre großangelegte Version von Mussorgskys Zyklus «Bilder einer Ausstellung» mit originalen Dekorationen bedeutender kubanischer Künstler.
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Tanz Dezember 2019
Rubrik: Menschen, Seite 31
von Volkmar Draeger
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