Historische Kurzschlüsse

Nina Gühlstorff/Dorothea Schroeder «Der dritte Weg», «Büchner/Leipzig/Revolte»

«Mehr Mut und Menschlichkeit!», ruft ein wackerer Jungrevoluzzer durchs Megafon und klatscht dazu in die Hände wie beim Flamenco-Kurs. Sein linker Kollege kämpft mit ähnlichem Körpereinsatz um «Mehr Spontaneität!». Und ein leidenschaftlicher Fan des interaktiven Theaters steuert aus der zweiten Reihe ein tief empfundenes «yeahyeahyeahyeah» bei. Was täuschend echt nach Urlauberanima­tion in einem Ferienclub auf Mallorca aussieht, ist de facto Nina Gühlstorffs und Dorothea Schroeders Mauerfall-Erinnerungsperformance «Der dritte Weg» in der Innenstadt von Jena.

Ausgehend von der Stadtkirche, wo sich im Herbst 1989 einheimische Oppositionelle versammelten, stellt der Abend den historischen Demonstrationszug als Spaziergang nach. Unterwegs, in der philosophischen Fakultät oder in einem russischen Feinkostladen, erzählen Theaterhaus-Schauspieler zunächst aufschlussreiche, von den Regisseurinnen vor Ort recherchierte DDR-Biografien: Ein ehemaliges SED-Mitglied freut sich über zaghaften innerparteilichen Widerstand. Ein Junge, der nicht in Margot Honeckers Bild von der «Freien Deutschen Jugend» passt, muss binnen vier Stunden die DDR verlassen. Und eine Mutter sucht nach der ...

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Theater heute Dezember 2009
Rubrik: Repertoire, Seite 52
von Christine Wahl

Vergriffen
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Das isch d Situation

Mit Easy Listening beginnt der Abend: softe Loungemusik (Carlos Santana) vor geschlossenem Vorhang, das Saallicht noch an, einzig ein Diener mit geschlossenen Augen drückt sich an den Rand des Bühnenportals. Stumm steht er da vis-à-vis des Publikums, wie sein blickloses Spiegelbild. Lang dauert die Musik (gespielt von Lars Wittershagen), sehr lang, zehn Minuten,...

Schaumkronen des Dargestellten

Wie funktioniert Theater und was hat es noch zu bedeuten? Thomas Oberenders Studie «Leben auf Probe» versucht, Ordnung zu schaffen bei so etwas Unordentlichem wie dem kreativen Prozess, der zusätzlich unterminiert wird von allerlei psychischer Unbotmäßigkeit und talentierter Nonkonformität. Als Dramaturg in Bochum und Zürich und als Schauspielchef in Salzburg hat...

Blick von unten

Als im Herbst 1989 die Mauern gen Westen fallen, versammeln sich auch im kleinen dänischen Küstenort Gedser die Leute. Mit Fähnchen und Fanfaren. Sie wollen die Fähre aus Warnemünde in der Freiheit begrüßen. Willkommen, ihr DDR-Bürger, ihr europäischen Nachbarn! Doch als die Brücke heruntergelassen wird, «da latschte der Opa, derselbe, der Woche für Woche, immer am...