Himmel und Erde

Braunschweig: Schiller «Kabale und Liebe» (Großes Haus), Marieluise Fleißer «Der starke Stamm» (Kleines Haus)

Die Welt ist eine weiße Scheibe mit Absturz­gefahr. Rausgebrochen aus einem Stück Himmel, das wie ein Heiligenschein über der Bühne schwebt (Bühne Claudia Kalinski). Alleinherrscher auf dieser Scheibe ist Minister von Walter (Moritz Dürr) als Stellvertreter des gottgleichen Präsidenten, der nie da ist, wie Sekretär Wurm (Oliver Simon) mit Blick nach oben anmerkt.

Hier rückt er die Blumenkübel und zerdrückt schon mal die zarten Pflänzchen im Vorgarten von Untertan Miller (Hans-Werner Leupelt), die dieser sofort brav neu zu pflanzen beginnt, anstatt gegen die Verhältnisse aufzubegehren.

Viel Emotionalität ist nicht zu spüren in dieser Welt. Der kammerspielartige Ton, auf den Daniela Löffner ihre Schauspieler meist verpflichtet, verhallt oft in den Weiten der riesigen Braunschweiger Bühne. Die Kombination von großen Entfernungen zwischen den Sprechenden und einem feinen, intimen Spiel lässt Szenen im Nichts versinken. Das Große Haus ist keine Studiobühne. Und so wird zur spannungsreichsten Szene ausgerechnet die eine, die nicht im Text steht: Wenn der impotente, sich nach Liebe sehnende Sekretär Wurm masturbierend zusieht, wie die jugendlich naive Luise (Rika Weniger) vom zum Tier ...

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Theater heute November 2011
Rubrik: CHRONIK, Seite 50
von Alexander Kohlmann

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