Hannover: Weltende in Armut, Alkohol und Religion

Thorleifur Örn Arnarsson/Mikael Torfason «Die Edda»

Eines der hartnäckigsten Gerüchte über Isländer lautet, dass man es hier mit einem irgendwie mythendurchtränkten Menschenschlag zu tun habe. Jede neu zu bauende Straße müsse von einem Elfenexperten abgenommen werden, heißt es, und der müsse die Naturgeister erst einmal besänftigen, damit diese das Neubauprojekt akzeptieren. Die isländische Tourismuswirtschaft lebt gut von diesen Gerüchten.

Der Fachmann für nordische Mythen im europäischen Theater ist Thorleifur Örn Arnarsson, geboren 1978 in Reykjavik, ausgebildet in Berlin, Hausregisseur unter anderem in Konstanz und Wiesbaden.

Im mythisch weitgehend neutralen Hannover zeigt er seine Bearbeitung der «Edda», des isländischen Schöpfungsmythos, der auf den ersten Blick wirkt wie eine ewige Abfolge von Gewalt, Heimtücke, Zauber und Mord. Und so beginnt der rund vierstündige Abend auch: dunkel dräuend. Wolfgang Menardis Bühne ist eingenebelt, man erkennt nur Schemen, und Seherin Völva referiert die Vorgeschichte Völuspa: «In den Urzeiten war es so, dass es nichts gab, weder Land noch Wasser (...) nur Chaos und gähnende Leere und nirgends Gewächs.» Susanna Fernandes Genebra intoniert diesen langen Text elektrisch verstärkt, expressiv, ...

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Theater heute Mai 2018
Rubrik: Chronik, Seite 59
von Falk Schreiber

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