Hamburg: Das blutige Messer

Martin Crimp «Schlafende Männer» (U)

Am Ende hat Regisseurin Katie Mitchell doch noch einen Krimi draus gemacht. Denn lange durfte man sich fragen, was es eigentlich mit der mitternächtlichen Party auf sich hat, zu der Julia, die Kunstgeschichtsdozentin, und ihr als Musikproduzent aktiver Gatte Paul Julias neue Uni­as­sistentin Josefine und deren Freund Tilman, einen erfolgreichen Möbelbauer, eigentlich geladen haben.

Vorher hatten sich die beiden Gastgeber noch kurz ihre kinderlos erkaltete Ehe vorwurfslaut, aber erstaunlicherweise ohne jeden Akohol um die Ohren gehauen, hatten sich in bester «Wer hat Angst vor Virginia Woolf»-Manier ein paar üble Dialog-Tiefstschläge versetzt und über ihre langweiligen Erfolgsleben lamentiert. 

Gleich beim Reinkommen in Julia/Pauls nichts­sagend durchschnittsmöbliertes Wohnesszimmer (Bühne Alex Eales) teilen Josefine und Tilman dann lustig mit, dass sie den ganzen Nachmittag tollen Sex hatten. Aber das Thema bleibt irgendwie liegen. Paul macht kurz Tilman an, doch es hebt sich auch nichts. Die beiden Frauen gehen um die Ecke Wein holen, obwohl eigentlich niemand etwas trinken will und alle große Gläser Leitungswasser herunterstürzen. Irgendwann erzählt Julia, dass Josefine ihr ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Mai 2018
Rubrik: Chronik, Seite 58
von Franz Wille

Weitere Beiträge
Kritik: Die große Welle

Dem englischen Kritiker Quentin Letts sind Kontroversen nicht fremd. Für die meisten Insel-Schauspieler ist eine schlechte Kritik dieses bösen kleinen Manns ein Ritterschlag. Die «Times» schrieb, seine regelmäßigen Angriffe seien «hysterisch und würden die Verleumdungsgesetze bis an ihre Grenzen ausreizen». Doch seine aktuelle «Daily Mail»-Kritik der Royal...

Karlsruhe: Schlaglicht-Collage

Müllpartikel, die auf den Pazifikboden sinken, als «echos aus einem leben das niemandem mehr gehört». Erinnerungen als Abfall der Geschichte. Haare, Schuppen, Spucke, Nägel als Abfall des Körpers, als Überschuss. Menschlicher Überschuss als Folge eines auf Wachstum ausgelegten Systems. Produziert der Mensch Müll, um sich als Nicht-Müll zu fühlen? Und braucht er...

Technik und Weltzugang

Gibt es in diesem Jahr denn also weniger Technik? Das war die letzte und weitreichendste Frage auf der Programm-Pressekonferenz im Januar, auf der die Theatertreffen-Jury ihre Auswahl präsentierte. Die leidige Technik. Als Chiffre steht sie für alles, was am Theatertreffen im Vorjahr (bei größtenteils gleicher Jury-Besetzung) sowohl gefeiert wie moniert wurde: die...