Geisterbeschwörung beim Arbeitstreffen
Ein Geist ist in sie gefahren. Eben noch war Boglárka Börcsök eine weißgekleidete Künstlerin, Choreografin und Tänzerin mit ungarischen Wurzeln, wohnhaft in Berlin. Inmitten einer ovalen Rauminstallation «Figuring Age», die Hände in Tüll gehüllt, stand sie da im Kunstraum K20 in Düsseldorf, Bett, Sofa, Sessel weiß bespannt, als seien sie seit langem verlassen. In etwas zu exaltiert verlangsamten Worten forderte sie uns auf, näher zu kommen. Beschrieb ihr Filmprojekt über drei alte Tänzerinnen aus Budapest, 90, 96, 101 Jahre alt.
Erzählte, wie sie die Filmaufnahmen immer und immer wieder ansah, auch als die drei bereits gestorben waren. Drehte sich zur Wand, wieder zu uns – und ist ab da umfassend in ein anderes Wesen und Zeitalter verwandelt, eingetaucht in Gestik und Mimik des Alters, gruselig und magisch zugleich.
Sie beugt sich nach vorne, verzieht den Mund, wackelt mit dem Kopf, kneift die Augen, vollführt im alternden Körper Tanzgesten – und ist doch nicht die Karikatur von drei alten Damen, sondern ihre unheim -liche und zugleich rührende Verkörperung. In ihren Stimmen erzählt sie, wie sie zu Heroinen des modernen Tanzes wurden. Wie der Kommu -nismus den «zu bourgeoisen» ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute August-September 2023
Rubrik: Festivals, Seite 24
von Dorothea Marcus
«So, Leute, das Land ist frei.» Arbeit erledigt. Tell schmeißt seine goldene Armbrust in den Teich, mit der er zuvor den tyrannischen, brutalen Reichsvogt Gessler niedergestreckt hat. «Das Land ist frei, das Land ist frei», singen die Fische lustig im Chor und lassen tanzend die Flossen flattern. Und das Publikum klatscht enthusiasmiert mit und jubelt. Eine solch...
Liebe Margit, hier ist Carl, ich würde dich so gerne mal wiedersehen und jetzt könnte sich eine Möglichkeit ergeben: in München. Da arbeite ich nämlich zur Zeit an den Kammerspielen und bin sogar bei Tschechows ‹Vaterlosen› auf der Bühne. In diesem Stück warst du ja 1995 in Bochum die Anna Petrowna :-). Ich darf mir zu jeder Vorstellung einen Gast einladen zum...
Am besten hat die Exilerfahrung wohl die aus Uganda geflohene Aktivistin und Lyrikerin Stella Nyanzi auf den Punkt gebracht, in einem ihrer mitreißenden, in Deutschland entstandenen Gedichte: «Exil, das ist ein Ort zum Atmen: ah und uh.» Ein leicht befreiendes Ah und ein leicht schmerzliches Uh. Gemischtes Gefühl also. Im Exil verliebt sich ihre Tochter in...
