Gegen die Zeit
Die Frage nach Verzicht in der Kunst, im Theater ist äußerst vielschichtig. Das Problem lässt sich hier nicht erschöpfend behandeln. Theater kann viele exzessive Facetten haben und sich dadurch der Gegenwart mit ihrem Fokus auf (neo -liberales) Effizienzdenken, soziale Verantwortung und ökologische Ethik widersetzen. Dass es gegen die Zeit steht, ist schon immer eine Kraft des Theaters gewesen. Seine Widersprüchlichkeit zu bewahren, ist ein zentrales Anliegen meiner Arbeit.
Viele meiner Bühnen, die ich heute, aber vor allem vor einigen Jahren entworfen habe, sind ausgesprochen aufwändig, kostspielig und verbrauchen sowohl bei der Herstellung viel Energie als auch während der Vorstellungen. Diesem hohen Verbrauch steht ein großer Verzicht gegenüber – der Verzicht auf überflüssige Zeichen im Sinne einer künstlerischen Ökonomie. Diese Reduktion der künst -lerischen Mittel führte in meinem Fall zu einer gewissen äußeren Ähnlichkeit in sich sehr verschiedener Arbeiten.
Obgleich Themen und Texte meiner Insze -nierungen vollkommen unterschiedlich sind, die Körper in der Raumästhetik jedes Mal anders gedacht und choreografiert werden und ohnehin Sprache in jedem Körper anders zur Geltung ...
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Theater heute Jahrbuch 2023
Rubrik: Verzicht, Seite 61
von Ulrich Rasche
In ihrem berühmten Essay «Anmerkungen zu Camp» schreibt Susan Sontag 1964, dass die wesentlichen Merkmale von «Camp» die Liebe zur Künstlichkeit, zum Artifiziellen und zur Übertreibung sind. «Camp» ist für Susan Sontag das Gefühl für eine bestimmte Ästhetik, etwas, das mit «kitschig» oder «affektiert» nur unzureichend zu übersetzen ist. Für Sontag ist «Camp» der...
Das Paradies ist uns abhanden gekommen. Es gehört uns nicht (mehr). Folgen wir dem mythologischen Fußabdruck, ist die Menschheit – seit der Vertreibung Adams und Evas aufgrund entwickelten Bewusstseins – quasi pausenlos auf der Suche nach Unterwerfung, Beheimatung und Besitz. Sesshaftigkeit bildete die direkte Achse zum Wohneigentum, zur Inbesitznahme von Pflanzen,...
Mal ehrlich? Ich glaube, ich bin, wie viele, ein lebender Widerspruch. Ich habe ein Auto, mit dem ich regelmäßig zwischen meinem Haus in einem niederländischen Dorf und Bochum, wo ich arbeite, hin und her fahre, wenn ich am Wochenende in meiner Heimat war. Mein Dorf zu Hause hat keinen Bahnhof, und selbst vom nächstgelegenen Ort, zu dem ich wiede -rum 20 Minuten...
