Franz Wille: Die Bar gewinnt

Die großen Naiven: Frank Castorf begleitet in Zürich Kafkas Karl Roßmann nach «Amerika», Karin Henkel verfolgt in Köln Dostojewskis «Der Idiot»

Theater heute - Logo

Wer auf den verschlungenen Treppenhaus-Wegen ins Atrium des Züricher Schiffbaus, der ersten Station von Frank Castorfs «Amerika»-Reise, achtlos an der Schüssel mit kostenlosen Ohrstöpseln vorbeigegangen ist, dürfte seinen Hochmut bald bereut haben. Oben angekommen, in einem riesigen, von drei Bal­konetagen umrahmten Innenhof, wartet nicht nur das großzügig aufgebaute Oberdeck eines Transatlantik-Liners, aus dessen zweistöckigem Schornstein es bedrohlich qualmt.

Sondern auch das serbische Bojan Kristik Orkestar aus sieben stämmigen Herren mit imposanten Zahnlücken und Backen wie Luftballons, die mit ihren Pauken und Trompeten einen zwar durchaus restmelodischen, dabei aber derart infernalischen Lärm veranstalten, dass es die Bewohner der Luxuspenthäuser auf dem Schiffbau-Dach gründlich aus den Designer-Sofas gehoben haben dürfte.

Erschwerend kommt hinzu, dass die robuste Zigeuner-Combo schnell die Angewohnheit entwickelt, aus Leibeskräften schreiende Schauspieler, die in rumpeligen Mehrfach–besetzungen durchs erste «Heizer»-Kapitel schlingern, auf dem fußballfeldgroßen Oberdeck aufzuspüren, um sie unter vollem Gebläse von den Planken zu pusten. Sogar körperlich widerstands­fähige, ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Juni 2012
Rubrik: Aufführungen, Seite 11
von Franz Wille

Weitere Beiträge
Pläne der Redaktion / Impressum

Und wieder ein neues Stück von Peter Handke, «Die schönen Tage von Aranjuez». Und so fängt es an: «Und wieder ein Sommer. Und wieder ein schöner Sommertag. Und wieder eine Frau und ein Mann an einem Tisch im Freien, unter dem Himmel.» Und wieder ein Bericht von Luc Bondys Urauführung in Wien.

Drei Jahre lang wird Heiner Goebbels die Ruhr Triennale gestalten. Was hat...

Der Mörder in mir

Manchmal träumt man ja auch im Theater davon, festgenagelt auf seinem Platz in der siebten Reihe: ganz nach vorne zu rücken, den Schauspielern auf die Pelle; aus nächster Nähe in diese Gesichter zu gucken, statt immerzu die mittelnahe Totale auf ihre Zeichen befragen zu müssen. Die Kamera zu sein, die sich heranzoomen kann an zuckende Lider, flattrige Hände, das...

Tarantellas Veitstanz

Der Säugling liegt auf dem blanken Boden in der Mitte der Bühne. Er blinzelt in die riesige grelle Industrielampe, die wie ein Damoklesschwert über ihm pendelt, zuckt mit den Armen und schließt die Augen. Kurz zuvor hatte Jokaste ihn hier abgelegt und seinem Schicksal überlassen, das ihn alsbald in Gestalt der kriechenden, rollenden Horde der Ödipus–kindeskinder...