Essen: Göttliches Walten?
Am 10., 25. Juni, 8. Juli 2017 im Schauspiel Essen.
Die Geschichte, in die Yamila Hanna Bach während ihrer Forschungsreise im Nahen Osten gerät, ist wirklich sehr merkwürdig. Die deutsche Mikrobiologin wird in Martina Clavadetschers Siegerstück der 4. Essener Autorentage «Stück auf!» nämlich gegen ihren Willen zur Protagonistin einer bizarren Neuerzählung der biblischen Parabel von Lot. Eigentlich wollte sie nur Proben von Pilzen und Bakterien in Sodiriya (alias Sodom) sammeln, nun steht sie vor dem Untersuchungsrichter und wird verdächtigt, ein Engel zu sein.
Ausgerechnet El-Arad, einen mutmaßlichen Mörder, Inzesttäter und Alkoholiker, soll sie vor dem angekündigten Untergang des vom Kapitalismus gezeichneten Sündenpfuhls Sodiriya retten wollen («Das Monstrum ist krank. Wie ein Ekzem, das sich ausweitet. Alles nahe dem Kollaps»). Angeklagt hat sie Baganja, die sich selbst als «zufriedene Hure» bezeichnet und fest davon überzeugt ist, dass eine Verwechslung stattgefunden hat und eigentlich sie an Stelle El-Arads errettet werden soll. Gemeinsam mit dem Untersuchungsrichter treibt sie erzählend und rekonstruierend Yamila und El-Arad geradezu ins szenische Spiel hinein, bis die Vorsehung die Regie übernimmt: Schlussendlich flüchtet ...
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Theater heute Juni 2017
Rubrik: Chronik, Seite 55
von Natalie Bloch
«Es gibt nichts zu verstehen, aber viel zu erleben.» Der Spruch prangte schon am Eingang zu Kay Voges’ «Borderline Prozession». Nun hat er seinen angemessenen Platz gefunden auf der Übertitelungsschiene zu seiner Inszenierung von «Einstein on the Beach». Philip Glass und Robert Wilson waren sich 1976 darin einig, dass Kunst keine Erzählung irgendeiner Geschichte...
The Artist is present» hieß die mehrere hundert Stunden dauernde Performance, mit der Marina Abramovic 2010 halb New York ins MOMA lockte. Doch nicht nur dort, an einem Tisch und auf zwei Stühlen, wo sich die Künstlerin und wechselnde Besucher*innen vor Publikum und Kameras gegenübersaßen und in die Augen blickten, war Abramovic anwesend: Auch in Werbespots...
Wie die Zeit doch selbst den Klang der Namen verändert! Als das Stück «A bright room called day» 1985 in New York uraufgeführt wurde, da klang Kushner, der Name des Autors, politisch, aufgeklärt, demokratisch. Man dachte an New York, jüdisch-intellektuelles Milieu, Widerstand gegen die Regierungsmacht. Wenn nun, dreißig Jahre später, das Stück unter dem...
