Dürre im Garten

Dem seit 20 Jahren aktiven Netzwerk FREISCHWIMMEN mit seiner mehrjährigen Unterstützung von Künstler:innen fehlt ab 2024 die Finanzierung

Theater heute

Torben Ibs Was bedeutet FREISCHWIMMEN für die Freie Szene? 
Alisa Hecke FREISCHWIMMEN besteht seit 2004 und hat sich von einem tourenden Festival zu einer Produktionsplattform zur nachhaltigen Künstler:innenförderung entwickelt. Dazu gehören die Sophiensaele Berlin, FFT Düsseldorf, Gessnerallee Zürich, Brut Wien, Theater Rampe Stuttgart, Schwankhalle Bremen, LOFFT Leipzig und HochX München.

Wir sind also nicht nur länderübergreifend und in den urbanen Zentren tätig, sondern auch in strukturschwächeren Räumen, wo es zwar aktive Freie Szenen gibt, aber die Fördermöglichkeiten nicht adäquat sind. Im solidarischen Verbund können die Häuser dieses Ungleichgewicht ausgleichen und Künstler:innen unabhängig von ihrem Arbeitsort unterstützen.
Jens Hillje Da passiert etwas, was sehr selten ist in der Freien Szene, nämlich eine Kontinuität in der künstlerischen Zusammenarbeit. Die Häuser wie die Künstler:innen wachsen in diesem Austausch miteinander. 

Ibs Wie sieht das konkret aus? 
Hecke Die Häuser begleiten eine Runde von acht Einzelkünstler:innen oder Gruppen, die über einen Open Call ausgewählt werden, über mehrere Jahre: Mit Residenzen, Workshops und Showings wird prozessorientiertes Arbeiten und Austausch über Ästhetiken und Arbeitsweisen befördert. Koproduktionsbeiträge, Gastspiele und ein biennales Festival sorgen für substanzielle Produktionsunterstützung und höhere Sichtbarkeit. In dieser Zeit können die Künstler: -innen ihre individuelle künstlerische Entwicklung fokussieren, erhalten dabei gute Arbeits -bedingungen, auskömmliche Bezahlung, erleben Planungssicherheit und ein verlässliches Gegenüber. 

Ibs Das heißt, FREISCHWIMMEN sucht gezielt Nachwuchs, um ihn aufzubauen? 
Hecke Der Terminus des Nachwuchses ist eher problematisch, weil er impliziert, dass es ein Ziel gibt, wo er hinwachsen soll und daran sein Erfolg gemessen wird. Aufgrund der unterschiedlichen Biografien und Zugänge im Kulturbereich, sind die Bedarfe der Künstler:innen sehr individuell; wir versuchen, entsprechend darauf einzugehen. Dem einen hilft eine Kofinanzierung als Türöffner für Drittmittel, oder eine Gruppe benötigt Zeit, um interne Prozesse zu klären. 
Hillje Es folgt eher der Idee und Praxis eines Gartens, es geht nicht ums Entdecken, sondern Entwickeln. Wir gehen von den Notwendigkeiten und Bedürfnissen der Künstler:innen aus, sie haben ja oft sehr klare Vorstellungen davon, was ihre nächsten Schritte sein sollen. Mein Eindruck ist, dass auf dieser mittleren Strecke der Professionalisierung interessante Arbeiten entstehen. Es entstehen Pfade und Wege, und es ist ein Türöffner aus den lokalen Szenen in eine internationale künstlerische Landschaft. 
Hecke Ich finde das Bild des Gartens ganz schön. Den reißt man ja auch nicht nach einer Saison ab, sondern es braucht Zeit, Arbeit und Pflege, um zu säen, zu wachsen, zu ernten. Die Ausrichtung des Netzwerks hat in vielen Fällen nachhaltige Zusammenarbeiten auch über die zwei Jahre Förderung hinaus ergeben. Das hat auch die Profile der Häuser geprägt und ist eine Erfolgsgeschichte für die freien darstellenden Künste. 

Ibs Wie wirkt sich die Zusammenarbeit auf die Häuser aus? 
Hecke Es gibt natürlich regelmäßige Treffen und Austausch über ästhetische Positionen und Themen, die die jeweiligen Häuser beschäftigen. Das eröffnet einen Raum der Kollegialität, ermöglicht aber auch Weiterentwicklung der eigenen Strukturen in den Zukunftsfeldern Diversität, Barrierefreiheit, Nachhaltigkeit und machtkritisches Arbeiten. 

Ibs Die Förderung läuft zum Ende des Jahres aus und wird im Programm «Verbindungen fördern» des Bundesverbandes Freie Darstellende Künste, wo es die letzten vier Jahre verortet war, nicht fortgesetzt. 
Hecke Das Netzwerkprogramm des BFDK hat sich zu einer reinen Strukturförderung entwickelt. Das Förder-Aus zeigt einen Konflikt zwischen Kulturpolitik und Künstler:innenförderung auf und macht die Förderlücke der freien darstellenden Künste sichtbar, in der es zwischen Angeboten für künstlerischen Nachwuchs und dem Geschäft für etablierte Akteur:innen fehlt. Wir fragen uns, wer wird künftig die Künstler:innen auf dem Sprung von lokaler Etablierung zu internationaler Sichtbarkeit unterstützen? 

Ibs Welche Reaktionen gab es von Seiten der Partner und Förderer? 
Hillje Das Netzwerk und besonders die internationalen Partner haben den Wunsch zur Zusammenarbeit bekräftigt, allerdings können die Häuser das Programm nicht aus Eigenmitteln stemmen und sind auf Unterstützung angewiesen. Dafür suchen wir nach Lösungen. Wir sehen die deutsche Politik in der Pflicht, sich zur Zukunft der Künstler:innenförderung im deutschsprachigen Raum zu positionieren. 

Ibs Wie geht es weiter? 
Hecke 2024 feiert FREISCHWIMMEN sein 20-jähriges Jubiläum, geplant ist ein Festival-Doppel gemeinsam mit dem «6 Tage Frei» in Stuttgart, das sich dem Alter(n) widmen soll.

Alisa Hecke ist Koordinatorin des Netzwerks FREISCHWIMMEN.
Jens Hillje ist Teil des neuen Leitungsteams an den Sophiensaelen. Aktuelle Künstler:innen bei FREISCHWIMMEN sind Ceylan Öztrük, Studio Urbanistan, Lulu Obermayer, Yolanda Morales, Alex Franz Zehetbauer, Sterna /Pau, Donya Ahmadifar und Göksu Kunak. www.freischwimmen.org

Auch das Münchner Residenztheater ist neben dem Staatsschauspiel Dresden und dem Berliner Gorki Theater in der Kritiker:innenumfrage nach dem Theater des Jahres zweitplatziert! Wir gratulieren und bitten um Entschuldigung für das Versäumnis.


Theater heute Oktober 2023
Rubrik: Magazin, Seite 70
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