«Die Polarisierungen nehmen zu»
Theater heute Was macht Corona mit unserer Gesellschaft, zumindest soweit sich das jetzt schon absehen lässt? Vielleicht ist es sinnvoll, noch einmal ein paar wesentliche Entwicklungen vor allem seit den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts und deren Folgen aufzurufen. Zentrale Stichworte dafür wären Globalisierung, Postindustrialisierung und Digitalisierung.
Was ist da mit uns passiert?
Andreas Reckwitz Genau eine solche Einbettung wäre für meine Perspektive auf die Corona-Krise zentral: Also nicht davon auszugehen, dass jetzt plötzlich «alles ganz anders wird», dass wir einen Epochenbruch erleben, sondern dass in dieser Corona-Zeit Strukturmerkmale der spätmodernen Gesellschaft und die damit verbundenen Probleme besonders deutlich zutage treten. Denn in den letzten Jahrzehnten lassen sich grundsätzliche Neukonfigurationen beobachten – weg von einer industriellen Moderne, die das 20. Jahrhundert beherrscht hat und in der Nachkriegszeit der 1960er, 70er Jahre in eine ausgereifte Form eingetreten ist, von der man annahm, dass sie immer so weitergehen würde. Was tatsächlich passiert ist, ist dann aber seit den 80er Jahren ein erst schleichender, dann sich beschleunigender ...
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Theater heute Jahrbuch 2020
Rubrik: Die große Pause, Seite 10
von Eva Behrendt und Franz Wille
Die Frage, die ich in den letzten Wochen der Pandemie am häufigsten von befreundeten Theatermacher*innen gehört habe, war die Sinnfrage. Sie war uns sonst nicht eigen. Theatermenschen wissen meistens, was zu tun ist: Theater machen. Und oft wissen sie sogar, warum: weil Theater einen Unterschied macht. Natürlich gibt es auch in unserer Branche – wie in jeder...
Keine Versammlungen mehr, kein Gegenüber mehr von Mensch zu Mensch – das war und ist hart für Theaterleute in Zeiten der Pandemie. Aber mindestens ebenso hart und zutiefst verunsichernd ist die allgemeine Planungsunsicherheit. Die darstellende Kunst ist zwar eigentlich die spontanste und unmittelbarste aller Künste. Es ist ja gerade ein Wesensmerkmal des...
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