Die Ordnung der Dinge

Perspektivwechsel an der Ruhr bei «Theater der Welt» 2010: Alleinkuratorin Frie Leysen verdreht Buchstaben und den kolonialen Blick, öffnet die Sparten und landet am Ende erfolgreich im Regionalen

Soeben wurde der Aztekenkönig Montezuma vom hinterhältigen spanischen Eroberertrupp gefangen genommen. Sein tadellos modellierter Oberkörper, dem kein Ertüchtigungsgerät unter dieser Fitness-Sonne fremd sein kann, hat ihm nichts genützt: Der King war schlicht zu gutgläubig für diese Welt. Gastfreundlich hatte er die Kolo­nisatoren empfangen – und wird am Ende von Carl Heinrich Grauns Barockoper «Montezuma» dafür sterben müssen.

Die Höchststrafe allerdings verhängt der spanische Anführer Cortés bereits im Moment der Gefangennahme: Er streift seinem Opfer einen farbenfrohen Poncho über den Edelkörper und setzt ihm einen Sombrero auf den Kopf. Der Aztekenkönig sieht jetzt aus wie das Mitglied einer Folkloregruppe, die gegen ein bisschen Hartgeld in Fußgängerzonen den Ethno-Clown gibt. Was ist schon das aufrechte Ableben gegen die Unterwer­fung unter fremde Deutungsknuten, fragt der mexikanische Regisseur Claudio Valdés Kuri in seiner Neuinszenierung des 1755 in der Berliner Lindenoper uraufgeführten Werks – und hätte den Auftakt zum Festival Theater der Welt 2010 programmatischer gar nicht gestalten können.

Dass die Festivalleiterin Frie Leysen einen hyperkonsequenten ...

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Theater heute August / September 2010
Rubrik: Festivals, Seite 12
von Christine Wahl

Vergriffen