Die Geschichte wiederholt sich

Ein Gespräch mit der ukrainischen Dramatikerin Anastasiia Kosodii über ihre Stücke, das Leben im Exil, ukrainische Geschichte, das Schicksal von Freund:innen (Die Stückabdrucke liegen diesem Heft bei)

Theater heute Wir würden gerne über Ihre Stücke sprechen und Ihre Arbeit als Dramatikerin. Wie hat alles angefangen? 
Anastasiia Kosodii Mein Vater ist Schauspieler im Theater von Saporischschja, und als Kind war ich nicht im Kindergarten, sondern er hat mich zur Probe mitgenommen. Ich wollte nie Schauspielerin oder Regisseurin werden, aber ich wusste, dass ich gerne Geschichten schreibe. Deshalb habe ich fünf Jahre lang Journalismus studiert in Saporisch -schja.

Irgendwann habe ich dann verstanden, dass Journalisten hauptsächlich mit Leuten reden müssen und nicht schreiben. Zumindest muss man erst mit Leuten reden, bevor man anfängt zu schreiben. Damals habe ich aber nicht so gerne mit Leuten geredet, deshalb war das ein Fehlschlag. Als mir ein Freund einen Link zu einem Dramatik-Stipen -dium in Kiew schickte, habe ich mich beworben, aber ohne Erfolg. Aber ich habe mich nochmal beworben, 2014, als die Revolution of Dignity begann und einige meiner Bekannten anfingen, Dokumentarstücke zu entwickeln. Das hat mich auf die Idee gebracht, so etwas auch in Saporischschja zu versuchen. In Kiew entstanden damals die «Tagebücher des Majdan» von Natalka Vorozhbyt und und anderen jungen ...

ANASTASIIA KOSODII hat das Theaters Zaporizka Nova Drama in ihrer ukrainischen Heimatstadt Saporischschja mitbegründet, wo einige ihrer Stücke aufgeführt wurden. 2017 arbeitete sie zudem am Projekt «Theatrical Laboratory: Behind the Borders of Fear» mit, das in ukrainischen Städten an der Grenze zu den damaligen Besatzungsgebieten einen Ort für Theater schaffte. 2019 wurde sie leitende Dramatikerin des PostPlay Theaters in Kiew. 2019 war sie zudem an dem Projekt «City To Go» in drei Städten der Regionen Donezk und Luhansk (Bachmut, Popasna, Mykolaivka) beteiligt. 2020 schrieb sie «Was ist jüdische Musik» über ukrainischen Antisemitismus. 2021 arbeitete Anastasiia Kosodii zusammen mit Natalia Vorozhbyt an «Krim, fünf Uhr morgens», das politischen Gefangenen gewidmet ist. Am Nationaltheater Mannheim ist sie in der Spielzeit 22/23 Hausautorin.

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Theater heute August/September 2022
Rubrik: Das Gespräche, Seite 4
von Eva Behrendt und Franz Wille

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