Die Gefährdeten

Das Privileg, vom Staat geschützt zu werden, hat in Deutschland nicht jede gesellschaftliche Gruppe

Theater heute - Logo

Dass die Gefährdeten einer Gesellschaft unter einen besonderen Schutz gestellt werden und Konsens darüber erlangt wird, dass das Leben eines jeden einzelnen Menschen einen Wert hat und geschützt werden muss, hatte ich in diesem Ausmaß bis zu den Corona-Schutzmaßnahmen noch nicht erfahren dürfen. Leider. Aber jetzt war es möglich. Unerwartet. Konsequent.

Der Staat hat uns in aller Deutlichkeit gezeigt, dass er handlungsfähig ist.

Sehr schnell hat er eine gefährdete Gruppe aus­gemacht – vorwiegend alte und kranke Menschen – und schnell entschieden gehandelt, um die Verbreitung eines für diese Gruppe in besonderem Maße lebensgefährlichen Virus’ zu stoppen. Die weniger Gefährdeten ordneten sich unter, zeigten Solidarität und nahmen Rücksicht, schränkten sich ein, übten Verzicht, stellten ihre Ansprüche zurück, um die Gefährdeten zu schützen. Ob sie sich wirklich solidarisch gefühlt haben oder einfach nur den staatlichen Anweisungen gefolgt sind aus Angst vor Repressalien oder aufgrund eines erheblichen moralischen und sozialen Drucks, der vor allem über die sozialen Medien ausgeübt wurde, ist heute schwer zu ermitteln. War es Angst, war es Einsicht, war es Schockstarre oder ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Jahrbuch 2020
Rubrik: Antworten auf die Zukunft, Seite 56
von Falk Richter

Weitere Beiträge
Der gewöhnliche Rassismus

Leicht und heiter ist der Beginn, schwer und düster das Ende von Thomas Freyers neuem Stück. In drei ganz unterschiedlich strukturierten Teilen geht Freyer der Frage nach, woher rassistisch motivierte Gewalt in unserer Gesellschaft kommt. Pointiert und dialogisch geschrieben, ähnelt der erste Teil einer Exposition zu einer Gesellschaftskomödie à la Yasmina Reza....

Wer oder was ist hier souverän?

Es war bei einer diesen morgendlichen Diskussionen, vor der eigentlichen Probe, als wir ganz nah beieinander an einem Tisch saßen. Ein Schauspieler beschrieb, wie ein anderer Schauspieler gespielt hat, und benutzte das Wort «souverän». Dann sagte jemand anderes :«Ja, souverän! So souverän.» Ich wusste nicht, was souverän bedeutet. Es klang fremd. Wahrscheinlich,...

Wir Sklavenhal­ter*innen

Was wird anders nach Corona? Angesichts der Entscheidungen, die wir als demokratische Staaten bereits getroffen haben: rein gar nichts. Milliardenhilfen wurden für jene Sektoren beschlossen, die an der Zerstörung unserer Lebensgrundlagen den entscheidenden Anteil hatten. Sie können ihre Arbeit nun zu Ende führen: Fluggesellschaften, Erdöl- und Autokonzerne....