Die Gefährdeten

Das Privileg, vom Staat geschützt zu werden, hat in Deutschland nicht jede gesellschaftliche Gruppe

Dass die Gefährdeten einer Gesellschaft unter einen besonderen Schutz gestellt werden und Konsens darüber erlangt wird, dass das Leben eines jeden einzelnen Menschen einen Wert hat und geschützt werden muss, hatte ich in diesem Ausmaß bis zu den Corona-Schutzmaßnahmen noch nicht erfahren dürfen. Leider. Aber jetzt war es möglich. Unerwartet. Konsequent.

Der Staat hat uns in aller Deutlichkeit gezeigt, dass er handlungsfähig ist.

Sehr schnell hat er eine gefährdete Gruppe aus­gemacht – vorwiegend alte und kranke Menschen – und schnell entschieden gehandelt, um die Verbreitung eines für diese Gruppe in besonderem Maße lebensgefährlichen Virus’ zu stoppen. Die weniger Gefährdeten ordneten sich unter, zeigten Solidarität und nahmen Rücksicht, schränkten sich ein, übten Verzicht, stellten ihre Ansprüche zurück, um die Gefährdeten zu schützen. Ob sie sich wirklich solidarisch gefühlt haben oder einfach nur den staatlichen Anweisungen gefolgt sind aus Angst vor Repressalien oder aufgrund eines erheblichen moralischen und sozialen Drucks, der vor allem über die sozialen Medien ausgeübt wurde, ist heute schwer zu ermitteln. War es Angst, war es Einsicht, war es Schockstarre oder ...

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Theater heute Jahrbuch 2020
Rubrik: Antworten auf die Zukunft, Seite 56
von Falk Richter