Die Bühne dreht sich, weil sie es kann

Frank Castorf inszeniert Joseph Conrads «Der Geheimagent», SIGNA beschwören «Die Ruhe» am Hamburger Schauspielhaus

James Bond ist schon mal der elegantere Agent. Und der effektivere. Adolf Verloc in Joseph Conrads 1907 erschienenem Roman «Der Geheimagent: eine einfache Geschichte» ist dagegen ein Mitläufer, der im Jahrhundertwende-London ein bisschen in anarchistische und linke Zirkel reinschnuppert. Ein Spitzel, der der Polizei Tipps über die Umtriebe in diesen Zirkeln gibt. Ein Doppelagent, der der Botschaft einer fremden Macht (bei der es sich entweder um das zaristische Russland oder um das Deutsche Reich handeln dürfte) Berichte über die gesellschaftlichen Verwerfungen liefert.

Eine gescheiterte Existenz, dessen Krämerladen nur deswegen halbwegs funktioniert, weil er unter dem Ladentisch Pornografie vertickt. Und auch Verlocs Liebesleben entpuppt sich als weniger glamourös, als es das Spionage-Klischee verlangt: In Frank Castorfs «Der Geheimagent»-Inszenierung am Hamburger Schauspielhaus jedenfalls ist der orgiastische Höhepunkt erreicht, als sich der Titelheld (Charly Hübner) von seiner Frau Winnie (Anne Müller) mit der Mentholsalbe Wick VapoRub einreiben lässt. 

Nach dem 11. September 2001 erlebte der bis dahin in Conrads Werk vor allem als psychologisch-politischer Kriminalroman ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Januar 2022
Rubrik: Aufführungen, Seite 22
von Falk Schreiber

Weitere Beiträge
Rutschbahnen zur Hölle

Als der schwedische Ethnopopstar Gustav seiner Muse und Backgroundsängerin Sky nach liebestrunkener Tournee die zweite Sprachnachricht sendet, kündigt er an, seiner Frau Klara die neue Liebe zu beichten. Doch jeder Satz, den Lindy Larsson als Gustav ins Handy spricht, scheint ein neues Fettnäpfchen zu eröffnen: «It will be painful at first, but eventually she will...

Premieren 1/22

AACHEN, GRENZLANDTHEATER 
18. nach Fallada, Kleiner Mann – was nun? 
R. Susanne Schmelcher

AACHEN, THEATER 
7. Handke, Kaspar 
R. Christian von Treskow 
13. Günther, Ad Memoriam (U) 
R. Ulrike Günther 15. Shakespeare, Ein Sommernachtstraum 
R. Roland Hüve

AALEN, THEATER DER STADT 
8. Hübner und Nemitz, Furor 
R. Tonio Kleinknecht 
14. Dordoigne und Durand-Mauptit,...

Kopp hoch!

Wie wird man wohl erinnert werden, wenn man nichts wirklich gerissen hat? «Aus uns ist eben nüscht geworden. Aber auch keen Nazi, immerhin», sagt Ralle. «War knapp, aber das ist doch wat.» Und wahrlich, das ist was. Schließlich befindet sich Ralle hier in Brandenburg, wo wie jeder seit Rainald Grebe weiß: Es steh’n drei Nazis aufm Hügel und finden keinen zum...