Des Waldes Wutrede
Kurz vor Schluss dieses langen Waldtages landen wir auf einer Lichtung. Hinter einem kaum sichtbaren, zugewachsenen Tümpel erhebt sich ein rot leuchtendes LED-Panel, umstellt von 14 Lautsprechern, und aus dem Tümpel steiget, als wir rund 200 Zuschauer:innen uns auf der Wiese niederlassen, eine gigantische, hungrige Mückenschar. Hektik bricht aus, letzte Insektenspray-Reserven werden appliziert, trotz schwüler 32 Grad die Flucht in luftdichte Plastikponchos angetreten. Erstaunlicherweise ebbt die Attacke ab. Dafür beginnt das LED-Panel zu texten.
Erst liefert es nur sachliche Beschreibungen des Offensichtlichen wie «Mitten auf der Wiese steht ein LED-Panel», dann wird es persönlicher: «Ich sehe euch.» Tja, wer spricht denn da? «Ich mag es, wenn ihr mich Natur nennt.» Ein kleiner Ritt durch die Menschheitsgeschichte beginnt. «Sah euch am Feuer Pläne schmieden, wie ihr von mir loskommt … und dachte mir, wo wollen sie denn hin?» «Die Ausrottung eurer Spezies ist eine Erlösung, sie ist ganz nah», «Macht, was ihr wollt», «Ich brauche euch nicht», wütet das Panel immer ungehaltener, begleitet von bösem Rauschen aus den Lautsprechern. Dass die Natur uns wie ein beleidigter Herrscher eine ...
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Theater heute Oktober 2023
Rubrik: Aufführungen, Seite 14
von Eva Behrendt
Am 11. Juli dieses Jahres starb der 1949 im Berliner Osten geborene, durch die produktive Zusammenarbeit mit Heiner Müller bekannt gewordene Maler-Bühnenbildner Hans-J. Schlieker, der alles Sehbare sehen, alles Einsehbare vergessen und nur Künstler sein wollte. Interessiert nur an dem, was ist, jenseits von Begriffen und Beschreibung. Er hielt Kunst als Tätigkeit...
Wer Maria Müller-Sommer und ihren (ihren!) Theaterverlag in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts einmal in der alten Dahlemer Villa besucht hat, dürfte ein paar wichtige Einsichten mitgenommen haben. Die wahren Herrlichkeiten lagen nämlich im Keller: das Archiv und die Küche. In Ersterem waren in vornehm angestaubten Fächern unter locker gestapelten Manuskript...
Im Theater heißt es oft: Eine Inszenierung brauche nicht viel, um ihre Botschaft zu transportieren. Der Ausdruck bekommt in «Vendo Humo», das am Zürcher Theater Spektakel zu sehen war, eine neue Bedeutung: Wenn Juan Onofri Barbato in seinem Solo an einem erhöhten Tisch sitzt und ihn von links und rechts nur zwei sehr kleine Nebelmaschinen besprühen, dann ist die...
