Der Roman raschelt
Vor dem Thalia Theater toben die Vorbereitungen des Evangelischen Kirchentags. Aufgekratzte Christen spazieren durch die Hamburger Innenstadt, hoffnungsfroh, sicher im Glauben. Im Thalia hingegen ist nichts sicher. Da wird Glaube verworfen, neu aufgerollt, in Fanatismus gewendet und vor allem umfassend diskutiert: Als letzte große Premiere der Spielzeit inszeniert Luk Perceval Fjodor M. Dostojewskis Roman «Die Brüder Karamasow», der «das Ringen um Sinn und Moral» ins Zentrum stellt, ein Ringen, das eigentlich die Paradedisziplin der Religion ist.
Reden.
Und Reden
Es ist kein Zufall, dass die Premiere ausgerechnet am Vorabend des Kirchentages stattfindet: Das Thalia ist ein Spielort des evangelischen Laientreffens, «Kirchentag im Thalia Theater ist Kultur, ist Gesellschaft, ist Europa und ist eine Einladung», wirbt die Bühne auf ihrer Website, mit Perceval führt der hauseigene Spezialist für metaphysische Stoffe Regie (der freilich den Buddhismus im Vergleich zum Protestantismus für sinnstiftender hält). Und ähnlich wie beim Kirchentag mit seinem Diskurscharakter ist auch Dostojewskis 1.000 Seiten dicker Roman durchzogen von einem andauernden Abwägen unterschiedlicher Positionen: Der ...
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Theater heute Juni 2013
Rubrik: Aufführungen, Seite 24
von Falk Schreiber
Kleine Produktion, große Wirkung: Wenn's nach dem Echo in den Feuilletons und dem Diskussionsfuror im «nachtkritik»-Forum geht, dann scheint Stefan Ottenis Handke/Han-Adaption die größte Hervorbringung des Karlsruher Schauspiels in bislang eineinhalb Spielzeiten von Peter Spuhlers Intendanz zu sein. Freilich: Wer einen Sloterdijk-Buchtitel («Du musst dein Leben...
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