Der neue Mensch
Dass das Individuum und seine Lebensführung in der Spätmoderne in eine grundsätzliche Krise geraten sind, ist ein verbreitetes Thema der kulturkritischen Debatte der Gegenwart. Das, was Alain Ehrenberg das «erschöpfte Selbst» nannte, wird in diesem Zusammenhang allenthalben beklagt.(1) Risiken der Überforderung und Überanstrengung scheinen das spätmoderne Subjekt zu charakterisieren, und Erschöpfungskrankheiten wie Depression und Burn-out sowie psychosomatische Störungen werden zu charakteristischen Krankheitsbildern der Epoche.
Die Zeitdiagnose hat ein besonderes Interesse daran entwickelt, diese Krise des Selbst in einen ursächlichen Zusammenhang mit großformatigen gesellschaftlichen Entwicklungen wie dem Kapitalismus oder der Digitalisierung zu bringen.(2) Aber auch die Psychologie und Psychotherapie liefern ihren Beitrag zur Analyse und zur individuellen Selbstbeobachtung: Die Spätmoderne ist in nie dagewesenem Ausmaß eine durchpsychologisierte Kultur, welche die Individuen unentwegt zur Selbstreflexion und Selbsttransformation animiert.(3)
Man vergisst es allerdings mittlerweile leicht – die Kultur des Selbst nach dem Epochenbruch der 1970er Jahre war mit der Hoffnung ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Januar 2020
Rubrik: Essay, Seite 46
von Andreas Reckwitz
Eine Sextherapie gegen Rassismus: «Slave Play» wirkt auf den ersten Blick ziemlich abgedreht. Doch vielleicht zeichnen sich gute Ideen genau dadurch aus, dass sie anfangs befremden und am Ende den Eindruck hinterlassen, dass sie eigentlich ziemlich naheliegend waren. In dem Stück des dreißigjährigen Autors Jeremy O. Harris, das Anfang Oktober am Broadway Premiere...
Das nennt man vorausblickende Spielplangestaltung: Just an jenem 10. Oktober, an dem die Akademie in Stockholm bekannt gab, dass der Literaturnobelpreis 2019 an Peter Handke geht, hatte in Klagenfurt dessen Drama «Die Stunde da wir nichts voneinander wussten» Premiere. Das stumme Stück besteht aus unzähligen Mikrodramen – oder eher Nanodramen – und ist ein...
Keinen Moment zweifelt Ophelia daran, dass Hamlet sie noch liebt. Das Beste für sie will, auch wenn er es nicht sagen kann. In jener üblen Szene, in der er die junge Frau demütigt, beleidigt, ins Kloster schicken will, hebt sie ihn einfach hoch. Die schmale Gina Haller mit fast kahl rasiertem Kopf, Herrenjackett über dem weißen Kleid, nimmt ihn und stellt ihn...
