Der Gangster von der Bar

Sebastian Baumgarten entdeckt im Berliner Maxim Gorki Theater Brechts «Im Dickicht der Städte» neu als Synchrontext

Für einen angehenden Dramatiker entwarf der junge Brecht eine recht krude Sprachkritik. Man habe nicht seine eigenen Wörter, man wasche sie auch nicht wie die eigenen Wäsche: «Im Anfang war nicht das Wort. Das Wort ist am Ende. Es ist die Leiche des Dinges.» Das Wörterklauben hatte für den Schriftsteller scheinbar nur bedingten Reiz, mindestens genauso interessant waren die Dinge des Lebens, zu denen man wieder durchdringen müsse durch die toten Wörter.

Brechts Wortwut hatte Folgen.

«Im Dickicht der Städte», entstanden 1921/22 nach seinem ersten Berlin-Besuch, verdaut ziemlich ungewaschen die ersten heftigen Moderne-Erfahrungen des Anfang 20-jährigen, behüteten Augs­burger Bürgersöhnchens mit Künstlerehrgeiz. In elf Bildern kommt viel zusammen, was die große Stadt so unsicher und faszinierend macht: soziales Elend, Prostitution, Raubtier-Kapita­lismus, bürgerlicher Familienzerfall und militanter Rassismus. Nebenbei wollen noch ein paar Lektüreerfahrungen von Gauguins Tahiti-Paradies über Upton Sinclairs «Dschungel»-Roman bis zu Alfred Döblin verarbeitet werden. Das reichlich überladene Ergebnis spielt zwischen 1912 und 1915 in einem Fantasie-Chicago aus grenzenlos darwinistischem ...

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Theater heute Mai 2017
Rubrik: Aufführungen, Seite 52
von Franz Wille

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