«Das Ordentliche müsst ihr nicht spielen. Das kommt von allein»
10. November
Leseprobe. Die Schauspieler, die Gosch um sich versammelt hat, haben alle schon mit ihm gearbeitet. Sie sind dabei gut gefahren. Jeder von ihnen weiß um seine Krankheit. Er beginnt mit der Bitte, man möge ihn nicht an den Schultern berühren. Die Metastasen seines Tumors haben sich unter die rechte Schulter geschoben. Angela Schanelec hat das Stück neu übersetzt. Sie hat einen Ton gefunden, der anklingen lässt, was Gosch in seinen letzten Arbeiten anstrebte: eine von allen Schlacken des Abgelebten befreite Gegenwärtigkeit.
11.
November
Wie zur Beschwörung der Angst vor dem Spielen bricht vor der ersten szenischen Probe eine Debatte über Kostjas «Theater der neuen Formen» aus. Wie soll man es präsentieren, wenn man’s nicht ironisieren will? Man ist sich einig, dass die Aufführung hier schon entgleisen kann. Bei der Uraufführung hatte das Publikum den Eindruck, dass es zum Lachen gebeten ist, und hat sich wohl bis zum Schluss dran gehalten. Gosch will jeden Naturalismus (Mond, Bretter, Vorhang, Schwefel) vermeiden. An der Rampe soll ein Flussstein liegen. Er soll Kostja als Bühne dienen. Aber wie soll gespielt werden?
Tschechow hat das Theater der Arkadina, von dem ...
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Theater heute Jahrbuch 2009
Rubrik: Die Inszenierung des Jahres, Seite 104
von Michael Eberth
Es gibt diese Filme, die starten mit dem Blick aus dem Weltall auf die Erde, eine blaue, sich im Unendlichen drehende Kugel. Dann beginnt die Kamerafahrt, und die Erde kommt näher, wir können Ozeane und Kontinente unterscheiden, als nächstes sieht das aus wie ein Google-Bild, wir nähern uns einem Land, einer Region, einer Stadt, einer Straße, einem Haus, und...
Versuch über einen Zustand für drei Spielerinnen und zwei Spieler», so lautet der Untertitel des diesjährigen Gewinnerstücks des Retzhofer Literaturpreises, das in der nächsten Spielzeit am Schauspiel Chemnitz uraufgeführt wird. Die Versuchsanordnung: eine baufällige Showtreppe inmitten einer wild verwahrlosten Wiese, einer Industriebrache, eine «blühende...
Jürgen Gosch hat – außer auf direkteste Nachfrage – nie öffentlich über seine Krebserkrankung gesprochen. Im Juni ist er gestorben, kein halbes Jahr nach der «Möwe»-Premiere. Michael Eberths Probennotate geben Einblick in eine außergewöhnliche Theaterarbeit.
