Das Heilige und das Profane

Enis Maci im Gespräch über ihr neuen Stück «WUNDE R»

Eva Behrendt In der Münchner Fassung ist der Chor verschwunden. Welche Funktion hat er in «WUNDE R»?

Enis Maci Die Gemeinschaft von Ichs, die sich im Wohnzimmer der Derwischin Ha­tixhe versammeln, einer tatsächlichen Pilger­innenstätte in Tirana, ist eine heterodoxe. Da sind undogmatische Glaubenspraxen, eine gewisse Planlosigkeit. Das Gemeinsam-Sein, das man dort erleben kann, das auf dem Theater zum Gemeinsam-Sprechen wird, hat wenig mit einem antiken, monumental-starken Chor zu tun. Es blitzt eher auf, flüchtig.

EB Am Ende des Stücks reflektiert eine Erzähler*innenstimme, wie problematisch es ist, hier ein Wir zu formulieren. Dennoch scheint sich das Stück auf die Möglichkeit eines Wirs zuzubewegen.

Maci Viele meiner Arbeiten kreisen um dieses Wir-Sagen. In «WUNDE R» wollte ich eher dessen Voraussetzungen klären. Es sprechen mögliche Pilgerinnen, die sich an diesem Ort aufhalten, gemeinsam, nebeneinander und trotzdem allein, die sich dort im intimsten aller möglichen Gespräche versenken: dem Gebet. Es sprechen potenzielle, alternative Heilige, Empfängerinnen von Fürbitten. Das Stück ist auch ein Versuch, der Frage nach dem «Ich» auf den Grund, oder auf ein paar ihrer Gründe zu ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute August/September 2020
Rubrik: Aufführungen, Seite 9
von Eva Behrendt

Weitere Beiträge
«Es muss einen fairen Ausgleich geben»

Franz Wille Reden wir über Geld. Wie geht es gerade Autor*innen und Verlagen in ökonomischer Hinsicht?

Bernd Schmidt Die Situation ist für alle, die für die Bühne schreiben, nicht nur Dramatiker*innen, sondern auch Komponist*innen, Bearbeiter*innen oder Übersetzer*innen, katastrophal. Und natürlich gilt das auch für die dazugehörigen Bühnenverlage, denn wir...

Tragödie der Hygiene

Man wird sich an solche Anblicke für eine Weile gewöhnen müssen: jede zweite Reihe leer, in den anderen jeder dritte Platz besetzt. Wenn sich erwartungshochgespannte Premierenzuschauerräume nicht zuletzt dank zahlreich anwesender schmallippiger Kritiker*innen für die Schauspieler*innen ohnehin anfühlen wie ein weit geöffneter Kühlschrank, dann kommt es jetzt noch...

Roadmap ins Ungewisse

Das britische Theater wartet, seit es Mitte März über Nacht stillgelegt wurde, auf Regierungshilfe. Shakespeare’s Globe war eine der ersten Bühnen, die medienwirksam mitteilte, ohne einen Zuschuss von knapp sechs Millionen Pfund werde man das Jahr nicht überstehen. Bald darauf schlug das Old Vic Alarm, die Reserven reichten nur noch wenige Monate. So geht’s rund 70...