Das große Horváth-Räderwerk

Ein neues Stück von Ödön von Horváth: Nach 90 Jahren taucht «Niemand» wieder auf – in Wien und Berlin

Die späte Entdeckung von Horváths «Niemand» klingt selbst wie eine lächerlich bis tragisch verrutschte Horváth-Geschichte: 2006 wechselte ein unscheinbares 95-seitiges Typoskript in einer blauen Mappe bei einer Auktion des kleinen Pforzheimer Antiquariats Kiefer für 250 Euro den Besitzer. Niemand (!) hatte bemerkt, dass es sich dabei um die einzige Kopie eines verschwundenen Frühwerks von Ödön von Horváth aus dem Jahr 1923 handelt.

Es stammt vermutlich aus dem verschollenen Archiv des 1928 bankrott gegangenen Verlags «Die Schmiede», bei dem es Horváth 1924 eingereicht hatte.

In dieser «Schmiede» waren 1924 und ’25 unter anderem auch Kafkas «Hungerkünstler» und «Der Process» erschienen sowie Texte von Joseph Roth und Alfred Döblin; die Inhaber Julius Salter und Fritz Wurm galten zwar als umtriebig, erwiesen sich aber bald als nicht besonders seriös. Kurt Tucholsky hat ihnen ein alttestamentarisches Verdammungsurteil – «Friede ihrer Pleite» – nachgerufen, als sie von der verlegerischen Bildfläche verschwanden: «Aus irgendeinem Grunde ist der Kommissionär von Künstlern häufig nicht ganz stubenrein, und da gibt es alle Arten. Am verächtlichsten erscheint mir die Neuberliner Nummer: ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Juni 2017
Rubrik: Das Stück, Seite 20
von Franz Wille

Weitere Beiträge
Wohin die Reise geht

Missmutig drückt sich Iwanow – ein in jeder Hinsicht blasser Mittvierziger mit blöndlichem Seitenscheitel – an der heimischen Küchenzeile entlang. Seine Frau Anna Petrowna hantiert wacker lächelnd mit Obst, Gemüse und Abendbrotschüsseln und ginge locker als personifizierte Ikea-Küchen-Idylle durch, wenn ihr Kopftuch und die Strickjacke, in die sie sich mit großer...

Dortmund: Abstraktes Kino

«Es gibt nichts zu verstehen, aber viel zu erleben.» Der Spruch prangte schon am Eingang zu Kay Voges’ «Borderline Prozession». Nun hat er seinen angemessenen Platz gefunden auf der Übertitelungsschiene zu seiner Inszenierung von «Einstein on the Beach». Philip Glass und Robert Wilson waren sich 1976 darin einig, dass Kunst keine Erzählung irgendeiner Geschichte...

Störfaktor, Katalysator, Medium

Sie ist die Erste, die auftritt. Sich auf eine Bank setzt, im weißen Kleid, ein imposantes Stück rohes Fleisch im Schoß. Emporstarrt ins Scheinwerferlicht, bis ihr die Augen tränen. Reglos. Marie (Linda Pöppel) nimmt zu ihrer Rechten Platz, Robert (Max Mayer) zu ihrer Linken, und der Beziehungszoff nimmt seinen Lauf. Dazwischen: Kate Strong als reglose Barriere,...