Das Gießkannenprinzip
Eine Bugwelle postpandemischer Theatervorhaben flutet seit Monaten die Sitzungen der Fördergremien des Freien Theaters in Deutschland. Die gute Nachricht lautet: Die performativen Künste haben die Coronakrise überlebt. Klug gestrickte Hilfsprogramme des Bundes und der Länder haben viele Theaterschaffende unterstützt, die nicht durch stabile Strukturen in Stadt- und Staatstheatern getragen wurden. Das Vergabeverfahren nach dem Gießkannenprinzip wirkt großzügig. Doch es großzügig zu nennen, offenbart den gönnerhaften Zug des gesamten Systems.
Im Freien Theater hatte das Virus eine kuriose Nebenwirkung: Es hat kurzfristig Geld in das prekäre Fördersystem gepumpt. Plötzlich bekam die Szene, was sie sich immer gewünscht hatte: Zeit und Geld, um Projek -te mal gründlich vorzubereiten und ungezwungen nachzudenken über sich, das Theater und den Rest der Welt. All dies floss schließlich in jene Welle erstklassiger Projektanträge, die sich nun landauf, landab an den Förderinstrumenten bricht. Welches dieser Theatervorhaben im Jahr 1 nach Corona tatsächlich über eine Bühne vor ein Publikum schwappen wird, ist noch nicht überall entschieden. Sicher ist jetzt aber schon, dass ein Großteil ...
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Theater heute Jahrbuch 2023
Rubrik: Knappheit - alles auf Kante, Seite 25
von Jens Roselt
Zuallererst ist da ein Haus. Ein Konstrukt. Ein System. Es beherbergt un -sere Geschichten. Manches erzählt es, vieles versteckt es. Man muss die Verstecke finden, um alle Geschichten zu entdecken. Nicht nur die, die beim ersten Anblick offenbar werden. Sondern auch die, die wir zunächst übersehen haben. Denn tief im Boden schlummern und grummeln sie.
Sivan Ben...
Plötzlich / aus dem Schlaf schrecken» lauten die ersten Worte in Thomas Freyers neuem Stück «Ajax», in dem er den trojanischen Krieg mit der Gegenwart verschneidet. Das böse Erwachen wird im Verlauf des Geschehens nicht nur die gleichnamige Hauptfigur treffen. Zunächst ist es jedoch der zehnjährige Jonathan, der in der «nächtlichen Stille» das Bett verlässt und «in...
Selbstsicherheit klingt anders. «Liebe ich es nicht mehr oder liebe ich es zu sehr?», fragt Sivan Ben Yishai mit einem alten Roland-Barthes-Zitat im Untertitel ihrer «Bühnenbeschimpfung» und macht der moralischen Anstalt die Rechnung auf: die großen und kleinen Widersprüche zwischen den meist hehren Anliegen, die auf der Bühne verfochten werden, und den nicht immer...
