Das Fundament bröckelt

Im Kabinettsentwurf ist die Weiterführung der Förderprogramme des Fonds Darstellende Künste nicht vorgesehen – ein Gespräch mit Holger Bergmann

Theater heute

Theater heute Vor einem Jahr ging es der Freien Szene so gut wie selten zuvor, zumindest in finanzieller Hinsicht. Das vom Fonds Darstellende Künste aufgelegte und vom Bund geförderte #TakeThat bzw. #TakeHeart-Corona-Rettungsprogramm war mit 125 Millionen Euro ausgestattet worden, die zur Verteilung anstanden. Das klingt erstmal nach sehr viel Geld, entspricht aber genaugenommen auch nur dem Zuschuss für drei Dreispartenhäuser ...
Holger Bergmann ... in Stuttgart wär’s ein Dreispartenhaus.

TH ...

sagen wir drei mittleren Dreispartenhäusern, und ökonomisch ist die Freie Szene einigermaßen gut durch die Krise gekommen. Das alles war natürlich mit der Hoffnung verbunden, dass sich diese Förderung in gewisser Weise verstetigt. Jetzt gab es Haushaltsberatungen. Wie schaut’s aus? 
HB Wir hatten noch keine Haushaltsberatungen, sondern eine Aufstellung des Haushalts und einen Beschluss des Kabinetts. Dieser Haushalt geht jetzt zur Beratung. D.h., wir haben erstmal die Aufstellung der Zahlen, wie sie die Beauftragte für Kultur und Medien an den Finanzminister weitergereicht und das Kabinett beschlossen hat: So soll unser Haushalt aufgestellt sein. Da hätten wir uns natürlich etwas anderes gewünscht als das, was jetzt augenscheinlich der Fall ist – ich sage augenscheinlich, weil es keine ausdifferenzierten, sondern nur zusammengefasste Positionen gibt. Darin sollen wir, was auch schon seit längerem bekannt ist, 2 Millionen Euro zur Förderung erhalten, das ist der gleiche Förderansatz, den wir auch schon 2019 erhalten haben.

TH Das ist vermutlich nicht mehr als der Kaffeesatz dessen, was da die letzten beiden Jahre eingeschenkt wurde. 
HB Genau. Wir haben tatsächlich noch weitere Mittel aus Neustart Kultur auf den Weg gebracht. Wenn es jetzt noch eine Verlängerung von Neustart bis 30. Juni 2023 geben wird, werden wir insgesamt 160 Millionen Euro in diesen drei Jahren ausgereicht haben. Perspektivisch hatten wir vorbereitet, auch in Absprache mit der Ad-hoc-AG der Länder, also mit den Fachbereichen aus den Freien Darstellenden Künsten, dass es davon 10 Prozent bräuchte, um weiterzumachen. Also gut 15 Millionen Förder -volumen für die Freie Szene, die über ihre Bundesländer hinaus Bedeutung erlangt hat, davon 10 Prozent als Verwaltungs- und Eigenprojektkosten – das würde auch in etwa dem Volumen der Initiative Musik entsprechen, die im Bundeshaushalt geführt wird. Als Einstieg sollten Anteile der Länder gelten. Wir wissen alle, in welchen haushälterischen Zeiten wir uns gerade bewegen; alle bedauern, dass die Spielräume gerade sehr klein sind. Dass wir Neustart Kultur bis nach 2023 verlängern konnten, ist da sicher schon ein Erfolg – wobei 2023 zur Hälfte nur noch der Abrechnung dient und das Geld schon dieses Jahr in Weiten Teilen vergegeben werden muss. Das bedeutet, 2023 müssen wir unsere Förderlinien radikal einschränken. Am meisten bedauere ich, dass wir sehr wahrscheinlich schon in diesem Jahr keine Ausschreibung für die mehrjährige Konzeptionsförderung machen können. 

TH Ein wichtiger Schritt von Neustart Kultur war von der kurzatmigen Projektförderung zur nachhaltigeren Prozessförderung – ist das jetzt gar nicht mehr möglich? 
HB Zumindest nicht mehrjährig. Wir würden unsere Mittel hauptsächlich auf die Prozessförderung konzentrieren, möglicherweise das einzige Fördermodul, das wir in 2023 anbieten können; das wird jetzt von weiteren Gesprächen mit der BKM abhängen. Das Problem ist erkannt, aber man fühlt sich schon ein bisschen so, als hätte man lange an einem stabilisierenden Gerüst ge -arbeitet, in dem vielleicht manchmal ein Balken zu viel lag, aber jetzt bröckelt plötzlich das Fundament. Das ist natürlich alles andere als nachhaltig. 

TH Die zahlreichen Anträge, die zuletzt gestellt wurden, sind ja als künstlerische Förderungen und nicht als Coronahilfen bewilligt worden. Das heißt, dass auch viele freie Gruppen, die sonst sicher keine Förderung durch den Bund erhalten hätten, berücksichtigt wurden. Fallen die jetzt aus allen Wolken? 
HB Natürlich gibt es Gruppen, die nur durch die besondere Pandemiesituation und diese besonderen Mittel in die Lage gekommen sind, diese Gelder zu erhalten. Gleichzeitig wussten wir aber auch schon vorher, dass es für bestimmte, überregional wirkende Künstler:innen eklatante Lücken im Fördersystem gibt, das sowieso nur auf Projektförderung ausgerichtet ist, nicht auf Forschung, Repertoire und langfristige Planung. Genau dafür haben wir gemeinsam mit den Fachbereichen ein Muster von sechs Förderlinien entwickelt, das natürlich degressiv ausgerichtet war. Wir wollten nicht die Ausnahmesituation verstetigen, sondern die Struktur, die in ihr entstanden ist. Das ist, glaube ich, allen Geförderten und auch den Förderern klar. Jetzt geht es darum, dass das nicht alles für immer über Bord geht. Es gibt auch Signale, da noch nach Möglichkeiten zu suchen.

TH Und dabei stoßen Sie in der Kulturpolitik nicht nur auf sympathisierendes Schulterzucken, sondern die angestrengte Bemühung, doch noch etwas zu reißen? 
HB Vielleicht eine Mischung aus beidem. Zum einen sagt man: Es ist nun eine völlig veränderte Weltsituation, da spielen die Künste leider nur eine sehr untergeordnete Rolle – das mag so sein; gleichzeitig muss man auch daran erinnern, dass genaue dieser Fachbereich des Kanzleramtes sich um Kultur kümmern muss und nicht die gesamte Weltlage. Zum anderen ist da die Kulturstaatsministerin Claudia Roth, die selbst aus dieser Szene kommt, sich ihr in besonderem Maße verbunden fühlt, und das nehme ich ihr auch ab. 

Das Gespräch führten Eva Behrendt und Franz Wille.


Theater heute August/September 2022
Rubrik: Foyer, Seite 1
von Eva Behrendt und Franz Wille.

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