Das Anthropophagische Theater

Zum Tod von Zé Celso Martinez Correa, dem Gründer und Meister des Teatro Oficina in Sao Paulo

Theater heute - Logo

Plötzlich stand da ein Bild von ihm an einer der belebtesten Straßenkreuzungen im Zentrum von Sao Paulo: als Plakatwand der Erinnerung. Und an einem der Wohnhäuser hing über viele Stockwerke ein Banner herab – «Obrigado Zé Celso!» stand darauf, als Dank für das Theaterleben, das da gerade zu Ende gegangen war. Zé Celso Martinez Correa, geboren am 30. Juli 1937 in Araraquara, einer kleinen Stadt zweieinhalb Autostunden nördlich von Sao Paulo im gleichnamigen Bundesstaat gelegen, überlebte die schweren Verbrennungen, die er bei einem Zimmerbrand erlitten hatte, nur um zwei Tage.

Und das «Teatro Oficina» nahm Abschied mit einem Fest, einer Totenfeier, wie sie wohl nur möglich war an diesem Ort: voll von Tanz, Musik und Gesang wie im Karneval, und zugleich voll von Tränen und Trauer. Die weltweit verstreute Fan-Gemeinde des Theaters wie des Theatergeistes, der lebenslang hier herrschte, war per Live-Übertragung im Netz dabei. Exakt einen Monat zuvor war das auch schon so gewesen – Zé Celso und Marcelo Drummond, Partner schon seit vier Jahrzehnten, hatten geheiratet und ein mindestens genauso rauschendes Fest feiern können, unterstützt durch Spenden, die auch aus Deutschland kamen.

Sch ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Oktober 2023
Rubrik: Nachruf, Seite 46
von Michael Laages

Weitere Beiträge
Jetzt wird’s schmutzig

In einer zentralen Szene von Benjamin von Stuckrad-Barres vor einem halben Jahr erschienenem Roman «Noch wach?» wird eine Baustelle besichtigt. Der Verleger des im Buch als Fernsehsender beschriebenen, aber verhältnismäßig klar als teiljournalistischer Mischkonzern Springer erkennbaren Medienunternehmens führt seine Untergebenen durch den Rohbau der neuen...

In Netzen gefangen

Ach, wie schön ist doch die Liebe! Alles ist leicht, wenn sich Leonie Hämer und Fanny Staffa als Sylvia und Sybille nackt auf der Bühne wälzen und dabei mit sich und einer großen Stoffrolle vergnügen. Die Welt ist fern, und Glück strömt aus allen Poren. Die Zuschauer:innen sitzen allerdings in einer Arenaordnung um die beiden herum, und alle wissen: Es bleibt...

Das Dilemma der Revolution

Man muss ein Mensch sein.» Was ist ein Mensch? Ist der Mensch ein Tier? Ein Mensch sein – eine große Aufgabe. Eine Frau sein, eine noch größere? Die Fragen könnten nicht grundsätzlicher sein, der Bühnenaufwand nicht geringer. Ein leerer Wohnzimmerkasten mit Sofa und Schreibtisch, in der Mitte eine Schiebetür, das ist alles. Große Fragen, wenig Worte. «Man darf kein...