Ansichten eines Zirkuspferds

Für den Schlüterhof des Berliner Schlosses hat das Musiktheaterkollektiv Glanz&Krawall eine «Palastedition» ihrer «Wendecircus»Performance entwickelt

Man vergisst oft, dass für viele Länder Osteuropas der Kommunismus eine Zeit der Moderne war», gab der deutsch-russische Kunsttheoretiker Boris Groys nach dem Abriss des Palastes der Republik im Jahr 2007 zu bedenken. «Man will den Kommunismus bekämpfen, aber de facto bekämpft man die Moderne und landet bei vormodernen kulturellen Haltungen.

» 

Treffender kann man das langjährige stadtplanerische und kulturpolitische Versagen, das letztlich zum Schloss-Replikat in Berlins historischer Mitte geführt hat – eine Art Themenpark um deutsche Monarchie und Imperialismus –, kaum auf den Punkt bringen. Bereits unmittelbar nach der Wiedervereinigung meldeten sich die ersten konservativ-revanchistischen Stimmen um Joachim Fest oder Wolf Jobst Siedler («Das Schloss lag nicht in Berlin – das Schloss war Berlin») aus der Tiefe der alten Bundesrepu -blik und spekulierten über eine Zukunft der Berliner Mitte nach historischem, imperialistischen Vorbild. 

Das eigentlich Unfassbare daran ist, dass sich diese völlig abstruse Gesinnung durchgesetzt hat und (teils) mit Spendengeldern realisiert wurde. Entsprechend aufwendig und erklärungs -bedürftig gestaltet sich nun die Präsentation der ...

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Theater heute August/September 2022
Rubrik: Magazin, Seite 69
von Anja Quickert

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