Anarchist und Spießbürger

Dem Wiener Dichter Ernst Jandl hat man seine radikalen Texte nicht angesehen. Jetzt liegt eine erste Biografie vor

Theater heute

Im Frühjahr 1958 unterlief dem Suhrkamp-Cheflektor Walter Boenisch ein historisches Fehlurteil. «Wir erlauben uns, Ihnen Ihre Gedichte wieder zurückzuschicken, da wir uns außer Stande sehen, in diesen puren Wortspielereien einen lyrischen Gehalt zu entdecken», schrieb er. «Man kann vieles als Gedicht bezeichnen, diese Stücke aber nicht.» Werch ein Illtum! Aber so kam es, dass aus Ernst Jandl kein Suhrkamp-Autor wurde.

Mehr als 20 Jahre nach dem Tod des Lyrikers legt Hans Haider eine erste Biografie vor.

Dass der Wiener Feuilletonjournalist mit Jandl befreundet war – in dessen Theaterstück «Aus der Fremde» ist Haider als «er2» verewigt –, legt er im Vorwort offen. Mit dem Untertitel «Eine konkrete Biographie» unterstreicht er, trotzdem mit der nötigen Distanz ans Werk gegangen zu sein; er habe sich dem «subjektiven Faktor» versagt und auf «nachprüfbare Fakten und Texte» beschränkt. Wenn Jandl im Buch gelegentlich salopp beim Vornamen genannt wird, ist das also keine Absicht und hätte vom – auch sonst nicht besonders aufmerksamen – Lektorat korrigiert werden müssen. Wenn Haider allerdings insinuiert, in seinem Buch nichts als Fakten, Fakten, Fakten zu liefern, ist das irreführend: So etwas wie eine objektive Biografie, das weiß er natürlich, ist grundsätzlich ein Ding der Unmöglichkeit.

Wahr ist, dass Hans Haider sich nicht in den Vordergrund spielt, sondern die Rolle des Chronisten einnimmt; er zitiert lieber andere, als selbst zu sprechen. Der Autor hat gründlich recherchiert, weigert sich aber, das penibel zusammengetragene Material zu einer geschlossenen Erzählung zu formen. Dass die Aufmachung der Biografie an ein Lehrbuch erinnert, wirkt doppelt stimmig. Haiders historischkritischem Ansatz entspricht das Layout ebenso wie Jandls Brotberuf als Gymnasialprofessor für Deutsch und Englisch.

Der wandelnde Widerspruch
Ernst Jandl wächst als ältester von drei Söhnen einer kleinbürgerlichen Familie in Wien auf. Die Mutter Luise, die sehr katholisch ist und fromme Gedichte schreibt, leidet an Muskelschwäche und wird nur 36 Jahre alt; Jandls populärster Gedichtband «Laut und Luise» ist nach ihr benannt. Etwas neunmalklug hält Haider es für nötig, das Wortspiel im Titel aufzudröseln: «Zum Namen von Mutter Luise drängt sich im Ohr das Wort ‹leise› und zwingend dazu das Gegenwort ‹laut›, als Substantiv oder Adjektiv.»

1943, mit 18, wird Jandl zur Wehrmacht eingezogen; seine guten Englischkenntnisse gehen auf die Kriegsgefangenschaft in England zurück. Der Schuldienst, den er 1949 antritt, ist Jandl einerseits wichtig, weil er ihm die Freiheit verschafft, beim Schreiben keine Kompromisse eingehen zu müssen. Andererseits lässt er sich ständig karenzieren, ehe er 1978 wegen chroni -scher Depressionen dauerhaft «dienstuntauglich» geschrieben wird. Das erste Sabbatical nimmt Jandl im Schuljahr 1964/65; er reist unter anderem nach London, wo er am 11. Juni 1965 mit Allen Ginsberg und anderen Poeten einen umjubelten Auftritt in der Royal Albert Hall absolviert.

Doch obwohl Jandls Lautgedichte offenbar auch ein nicht-deutschsprachiges Publikum begeistern, hat sich im deutschen Sprachraum noch immer kein Verlag dafür gefunden. Erst im Herbst 1966 geht «Laut und Luise» endlich in Druck, zunächst allerdings nur als bibliophile Edition beim kleinen Walter Verlag. Ein breiteres Publikum erreicht eine von Wagenbach 1968 auf den Markt gebrachte Single-Sprechplatte, auf der Jandl einige Gedichte aus «Laut und Luise» interpretiert. Als sein künftiger Stammverlag Luchterhand 1970 die ersten zehn Titel der neuen Taschenbuchreihe Sammlung Luchterhand lanciert, ist der Jandl-Band «der künstliche baum» einer davon.

«Seinem Äußeren nach ist er der Inbegriff des schnitzelfressenden österreichischen Spießbürgers», schreibt der Dichterfreund István Eörsi über Jandl, den wandelnden Widerspruch. «Merkwürdig seine pedantische beamtische Art, die seinen experimentellen und anarchistischen Sprachideen widerspricht», notiert der Wiener Literaturfunktionär Wolfgang Kraus in sein Tagebuch. Jandl war, bis in den Tod, sowohl Mitglied der SPÖ wie der Katholischen Kirche. Sein Engagement für junge Kolleg:innen (etwa in der von ihm mitgegründeten Grazer Autorenversammlung) war ebenso legendär wie seine Wutanfälle. «Dann stammelt sein Mund, aus seiner Kehle kommt Staub, und die Augen verdrehen sich», beschreibt Urs Widmer das Naturschauspiel. «Die, die ihn kennen, tun die Finger in die Ohren. Dann schreit er. Niemand schreit so wie er.»

Vorschläge abgelehnt
Das autobiografische Psycho-Stationendrama «Sebastian», an dem er 1978 arbeitet, bleibt unrealisiert; im Jahr darauf aber wird beim Steirischen Herbst in Graz sein einziges abendfüllendes Stück «Aus der Fremde» uraufgeführt. Hans Haider weiß zu berichten, dass sowohl Regisseur und Intendant Rainer Hauer als auch Verleger Jürgen Bansemer den Autor um grundlegende Änderungen baten; unter anderem sollte er dem Protagonisten einen breitenwirksameren Beruf als Schriftsteller geben und aus dem Konjunktiv, in dem das ganze Stück geschrieben ist, irgendwann in den Indikativ wechseln – «als Realitätseinbruch». Jandl lehnte ab, und «Aus der Fremde» konnte unbeschädigt seinen Siegeszug durch die deutschsprachigen Bühnen antreten.

Die im Stück gezeigten Rituale der Beziehung zwischen Jandl und seiner Lebensgefährtin Friederike Mayröcker wurden tatsächlich jahrzehntelang so praktiziert. Die beiden Dichter waren 46 Jahre lang ein Paar, lebten aber nur 14 Monate lang zusammen. Erst in seinem letzten Jahr, als er schon sehr gebrechlich war, zog Jandl zu ihr – nicht in dieselbe Wohnung, aber immerhin ins selbe Haus. Mit seinem körperlichen Verfall war Jandl stets offen umgegangen, schonungslos entblößte er sich in seinen Texten. Irgendwann aber war ihm auch das nicht mehr möglich. «In den letzten zehn Jahren konnte er fast nichts mehr schreiben, er hat darunter sehr gelitten», erinnert sich sein Neurologe. Eines Tages, Ernst Jandl ist wieder einmal ins Spital gebracht worden, erleidet er dort einen letalen Herzanfall. Bevor er für immer das Bewusstsein verliert, wird er nach seinem Körpergewicht gefragt. Seine letzten Worte lauten: «85 Kilo.» Konkreter geht es nicht. 

Hans Haider: Ernst Jandl 1925–2000. Eine konkrete Biographie.
J.B. Metzler, Berlin 2023, 592 Seiten, € 31,50


Theater heute Dezember 2023
Rubrik: Bücher, Seite 47
von Wolfgang Kralicek

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