Aggressive Entschleunigung

Bingewatching in Desktoparchiven – Lola Arias kuratiert fürs Online-Programm mehrerer Produktionshäuser «My Documents: Share Your Screen!»

Theater heute - Logo

Es tut mir leid, ich bin zu müde, um die Performance heute Nacht zu spielen. Ich habe dafür keine Energie mehr», sagt Tim Etchells einmal.

Und kurz merkt man am Bildschirm auf: Hallo, was ist das? Streckt der jetzt die Waffen und wirft hin? Die Online-Performance hatte sich bis zu diesem Moment in einer erlesenen Schluffigkeit präsentiert: Etchells hockt vor seinem Bücherregal in einem abgetragenen Null­achtfünfzehn-Shirt – «a real lockdown special», wie er sagt – , seine Navigation stockt immer wieder, manche Datei öffnet sich erst nach mehreren Versuchen, was Etchells in dahindämmernder Seelenruhe erträgt. «Es tut mir leid, ich bin zu müde für diese Performance», scheint wie gemacht für den Moment. Aber es ist doch «nur» ein Tagebucheintrag aus vergangenen Tagen, den Etchells jetzt per Suchbefehl aus seinem Rechner ausspielt und verliest, in einem längeren Katalog von Schnipseln und Sentenzen zum Stichwort «Nacht».

Zurück auf den Kutschbock

Man muss schon eine gehörige Portion Geduld und Muße mitbringen, um sich diesen Lecture-Performances der Serie «My Documents: Share Your Screen» von Lola Arias im World Wide Web hinzugeben. Lectures oder ihre kleinen Schwestern, die ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute August/September 2020
Rubrik: Aufführungen, Seite 14
von Christian Rakow

Weitere Beiträge
W-Fragen und Spiegelblicke

Kurz vor Spielzeitende geht doch noch mal was – und die Münchner Kammerspiele, die im rasanten Schlussspurt von Matthias Lilienthals zunehmend erfolgreicher Intendanz vom Virus so abrupt ausgebremst worden waren, sind schon am ersten Tag nach der Corona-Zwangspause gleich mit zwei pandemietauglichen Premieren am Start, deren Probenbeginn noch vor der Krise lag und...

10 Uhr: Liegen bleiben

Der radikale Shutdown ist vorüber, die Lockerungen nehmen zu, wir dürfen wieder Kneipen und Cafés besuchen. Von Fernreisen und dem Feiern großer Partys wird dennoch abgeraten. Viele leiden unter dem eingeschränkten Bewegungsradius, aber viele fragen sich auch, ob man nicht irgendeine Einsicht aus dem Shutdown mitnehmen könne, die Krise gar etwas pädagogisch...

Das große Gebrösel

Der Investitionsstau öffentlicher Ausgaben infolge der deutschen Sparpolitik in den letzten zwei, drei Jahrzehnten hat bei den Theatern zu einem fatalen Sanierungsstau geführt. Etwa 80 Prozent der mehr als 300 öffentlich geförderten Häuser gelten als sanierungs­bedürftig, etwa 40 werden aktuell renoviert. Über die weiteren 1000 privaten Theater gibt es keine...