10 Uhr: Liegen bleiben

Über Quarantäne-Hilfen von Fernando Pessoa und Tom Hodgkinson

Der radikale Shutdown ist vorüber, die Lockerungen nehmen zu, wir dürfen wieder Kneipen und Cafés besuchen. Von Fernreisen und dem Feiern großer Partys wird dennoch abgeraten. Viele leiden unter dem eingeschränkten Bewegungsradius, aber viele fragen sich auch, ob man nicht irgendeine Einsicht aus dem Shutdown mitnehmen könne, die Krise gar etwas pädagogisch Wertvolles habe. Ob zum Beispiel die Freiheit, jederzeit überallhin reisen zu dürfen, angesichts der ökologischen Lage überhaupt erhaltenswert sei.

Denn plötzlich nehmen wir wahr, dass die Welt auch im Energiespar-Modus noch ganz gut funktioniert, zumindest für uns Privilegierte, die nicht am Existenz­minimum ums Überleben kämpfen.

Einen überraschend aktuellen Kommentar zu diesen Überlegungen bietet ein hundert Jahre alter Klassi­ker, «Das Buch der Unruhe» von Fernando Pessoa. Das umfangreiche, aber handlungsarme Werk besteht aus den Reflexionen des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares, der sich so seine Gedanken macht über die mensch­liche Existenz. Er sitzt tagaus, tagein in seinem Büro in der Rua dos Douradores in Lissabon und zelebriert die Kunst des Raushaltens. Formal ist dieser Roman irgendwo zwischen Tagebuch und ...

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Theater heute August/September 2020
Rubrik: Lektüresommer, Seite 50
von Rebekka Kricheldorf