Das Beste kommt noch!

Annika Meier fragt sehr deutlich nach dem Sinn – und wenn keiner da ist, umso besser!

In Herbert Fritschs Inszenierung «der die mann», die noch an der Castorf-Volksbühne entstanden und nach deren Ende ins Repertoire der Berliner Schaubühne gewandert ist, hat Annika Meier diese schräge Solo-Nummer. Sie tritt an die Rampe, um etwas vorzutragen, weiß aber vorgeblich nicht, wie sie anfangen soll. Kein Wunder; die Texte des Neodadaisten Konrad Beyer, auf denen der Abend basiert, lassen ja durchaus großzügige Interpretationsspielräume. «Er nahm die Dame an die Niere» oder «Emma nahm die Rinde, da er immer den Riemen nahm»: Das kann man in der Tat so oder so sehen.

Also ergeht sich Meier, um nicht beginnen zu müssen, in komischen Übersprungshandlungen; wirft hier einen angeschrägten Flirtblick ins Publikum, strapaziert da ein Tasteninstrument, reißt dort einem Kollegen den Kopfhörer von den Ohren und entwickelt dabei, aus dem Underdog- und Aufschubs-Schuldbewusstsein heraus, eine zusehends selbstvergessene Expressionsfreude, die sich praktisch mit Siebenmeilenstiefeln vom Ursprungsauftrag entfernt und für die das Adjektiv «anarchisch» fast noch tiefgestapelt ist. 

Es scheint genau dieser Moment zu sein, für den Annika Meier auf der Bühne steht: die Emanzipation von ...

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Theater heute November 2018
Rubrik: Akteure, Seite 35
von Christine Wahl

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