Das letzte Glück
Zweieinhalb Wochen zuvor war die Welt noch in Ordnung. Man fuhr zu Pina Bausch nach Wuppertal, das «Neue Stück» zu sehen. Erfreute sich an den frischen Gesichtern des Tanztheater-Nachwuchses, bewunderte die Bewegungs-Serpentinen, auf denen Schmerz und Lust in Endlosschleifen vorüberglitten. Sammelte Bausch’sche Selbstzitate auf und staunte über klassische Arabesquen, die sich zur ironisch erleuchteten Ahnengalerie gruppierten. Und schrieb schließlich diesen Satz: «Wer die Bretter der eigenen Tradition derart rücksichtslos durchbohrt, ist in der Freiheit angekommen.
»
Der Satz stand da, seltsam endgültig. Als könne da gar nichts mehr nachfolgen. Zweieinhalb Wochen später gibt es kein Fragezeichen mehr. Pina Bausch ist tot. Dass das «Neue Stück» ihr letztes bleiben wird, ist unbegreiflich. Sechzehn Tänzer und Tänzerinnen sitzen auf der Bühne und streichen dem Vordermann durchs Haar, wühlen sich durch Lo-ckenmähnen bis zur Kopfhaut. In Chile, wo das Wuppertaler Ensemble im Februar unterwegs gewesen ist, kennt jedermann dieses Bild: die Läusesuche als allabendliche Routine. Aber Pina Bausch, und das ist einmal mehr das große Geschenk dieses letzten Stücks, hebt jede vertraute Geste, ...
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