Die Baumeisterin

Ingrida Gerbutavičiūtė leitet seit 2022 das tanzhaus nrw. Und verteidigt ihre künstlerischen Ziele gegen die Unbill des Alltags

Tanz

Ein Plakat, das einen die Stirn runzeln lässt: «Dancing in public» wirbt das tanzhaus nrw mit zwei jungen Frauen in engem Körperkontakt für sein Herbst- und Winterprogramm. Die beiden agieren im Außenbereich der Düsseldorfer Institution. Dancing in public? Warum in der kalten Jahreszeit draußen tanzen und unterrichten? Ingrida Gerbutavičiūtė zuckt hilflos mit den Schultern: «Als wir die Idee zu diesem Plakatmotiv hatten, gingen wir davon aus, dass das Tanzhaus ab Sommer 2023 eine Baustelle sein würde. Deshalb wollten wir unser Programm im Außenbereich stattfinden lassen.

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Passiert ist bis jetzt – nichts. Das Bauprojekt verzögert sich immer weiter. Seit über einem Jahr ist die Planung abgeschlossen, die Baugenehmigung bewilligt. Doch noch immer steht der Finanzierungsund Ausführungsbeschluss durch den Stadtrat an. Im Dezember soll er endlich gefasst werden. Im Jahr seines 25-jährigen Bestehens sieht das Geburtstagskind tanzhaus nrw also – trotz regen Besucherzuspruchs – ziemlich angeschlagen aus.

«Die Bausubstanz ist marode und erfordert einen zügigen Abriss und Neubau im hinteren Trakt des Gebäudes. Das Dach ist undicht», konstatiert die zierliche Chefin. Tatsächlich bietet sich im Verwaltungstrakt des ehemaligen Straßenbahndepots ein ungewöhnlicher Anblick: Über einem Konferenztisch wurde der vordere Teil der Leuchtröhre mit einer Kordel zur Seite gezogen und festgebunden. Auf dem Tisch steht ein Eimer, der das Wasser auffängt, das die Lampe nicht abbekommen soll. Dann, im engen Büro der Abteilung Public Relations: Ein Sortiment von Salatschüsseln und Papierkörben verteilt sich über Tische und Boden, dunkle Wasserränder durchziehen den schmutzig-blauen Teppich. Eine Mitarbeiterin zeigt ein Handyvideo: Tropfen fallen vom Dach in die Schüssel auf dem Schreibtisch. «Auch in die Garderoben der Dozent*innen und in ein Studio regnet es hinein. Und im Hinterhof bröckelt eine Wand vor sich hin», ergänzt die Intendantin die Schadensbilanz. Es gelingt ihr nun nicht mehr, ihren Ärger zurückzuhalten, sie appelliert an die Stadt Düsseldorf: «Es besteht dringender Handlungsbedarf!»

Kleines Feuer
Die Litauerin Gerbutavičiūtė hat ihre Arbeit in NRWs Landeshauptstadt im Herbst 2022 aufgenommen. Ein halbes Jahr später ging sie in Mutterschutz und nahm mit diesem Spielzeitbeginn rechtzeitig zum 25-jährigen Jubiläum des Hauses wieder Platz im Chefsessel. Nun ist sie Mutter der sieben Monate alten Ugnė – was im Litauischen «kleines Feuer» bedeutet. Wie sie die Doppelbelastung stemmt? «Ich habe meinen wunderbaren Mann, der Elternzeit genommen hat», erzählt sie ein bisschen stolz. Natürlich falle es schwer, sich morgens zu trennen, aber wenn sie abends heimkomme und die Kleine sofort auf ihre Stimme reagiere, sei das wunderschön. Eine intensive Lebensphase, in der wenig Zeit bleibt, um zur Ruhe zu kommen. Ingrida Gerbutavičiūtė bestätigt mit ihrer dunklen Stimme: «Jaaa … Aber wenn ich hier bin, kann ich nicht zu oft an mein Kind denken, denn hier ist sehr viel zu tun», so die 40-Jährige.

Sie sei glücklich, zurück im Job zu sein: «Ich wollte diese Stelle ja unbedingt haben!» Das Tanzhaus sei das größte und erste Haus für den Tanz, national und international. Das Haus, das die Künstler*innen als erstes nennen, wenn man sie danach frage, wo sie ihre Projekte realisieren wollen. «Es hat mich ein bisschen schockiert», gesteht Gerbutavičiūtė, «dass das kulturpolitische Renommée des Hauses bei Stadt und Land gar nicht so stark im Bewusstsein ist.» Öfters sei sie gefragt worden, was sie an dieser Aufgabe gereizt habe und Erstaunen für ihre Wahrnehmung von der Bedeutung des tanzhaus nrw ausgelöst. Irritiert war die Theaterwissenschaftlerin, Journalistin und Germanistin auch, als sie die Finanzpläne des Hauses studierte. Sie musste feststellen, dass die Belegschaft nicht nach Tarif bezahlt wird. Nach Gesprächen mit Land und Stadt sind mittlerweile alle Stellen eingruppiert. Gerbutavičiūtė: «Es ist wichtig, dass nicht nur im künstlerischen Bereich, sondern auch in allen anderen strukturell fair bezahlt wird.»

Spitzenschuh und Krücken
Was also macht die Einrichtung aus? «Das Tanzhaus geht immer nach vorne. Mit diversen Thematiken versucht es, die Wahrnehmung und Akzeptanz der Grenzen des Tanzes auszuweiten», skizziert die neue Chefin das Profil. Sie nennt als Beispiel die Produktion «bODY_rEMIX/ gOLDBERG_vARIATIONS» der kanadischen Choreografin Marie Chouinard, in der teilweise auf Spitzenschuhen, teilweise auf Krücken getanzt wird. «Das war eine große Produktion, die um 2005 hier in Düsseldorf und auf allen Gastspielen bejubelt wurde. Heutzutage würden wir dieses Stück auf keinen Fall zeigen dürfen», so Gerbutavičiūtė, «heute geht man viel sensibler mit diversen Themen um.» Sie verweist auf die Künstlerin Claire Cunningham, die mit ihrer Behinderung wunderbar tanze. Entwicklungen wie Inklusion oder Gender habe auch das Tanzhaus nach vorne getrieben.

Mit viel Energie und Überzeugung geht die Frau mit der aparten Hochfrisur ihre Aufgabe an. Die braucht sie auch, um diese wichtige Umbruchphase zu bewältigen. Denn: Von Neubau und Sanierung hängen maßgeblich der künstlerische Spielraum und die Programmgestaltung ab. «Ich mache keine Kunst, ich baue!», scherzt die Intendantin schon mal. Die Wahrheit sieht so aus: Zunächst einmal müsse die architektonische Qualität gesichert werden. Da im laufenden Betrieb gebaut werde, soll das Programm auch draußen in der Stadt angeboten werden. «Da ist es nicht so einfach, neue Akzente zu setzen», sagt Gerbutavičiūtė.

Das Team ist größer geworden, künstlerisch ist vieles möglich. Aber es werden mehr Büros benötigt. Außerdem sind für das wachsende Angebot im Akademiebereich und auch für die Residenzkünstler zusätzliche Studio-Kapazitäten erforderlich – sie werden nach dem Umbau zur Verfügung stehen. Nach einem dramatischen Einbruch der Besucherzahlen während der Corona-Hochzeit liegen die Zahlen im ersten Halbjahr 2023 mit rund 23000 Zuschauern bei Gastspielen und Festivals wieder auf dem Niveau vor der Pandemie. Derweil liegt die Zahl der Kursteilnehmer im Bildungsbereich leicht rückläufig bei 6000 Personen pro Jahr. Der Grund: Die Gruppen werden bewusst kleiner gehalten, um eine hohe Qualität auf der pädagogischen Ebene zu gewährleisten.

Dramatische Geste
Gerbutavičiūtė ist bewusst, dass sie als Bau-Intendantin in die Geschichte des Hauses eingehen wird. Realistisch sei es, dass der Umund Neubau im Herbst 2024 beginnen und die Baumaßnahmen drei bis vier Jahre dauern werden, so die Tochter einer Bauingenieurin und eines Maschinenbauingenieurs. «Meine Mutter ist sehr gespannt», erzählt sie schmunzelnd, «sie stellt Fachfragen, die ich nicht beantworten kann.» Ihr Vertrag läuft bis Ende Juni 2026. Ingrida Gerbutavičiūtė, das ganze Gespräch über hochkonzentriert, lehnt sich auf ihrem Stuhl zurück, schließt die Augen und hält die rechte Hand, die Außenfläche nach vorne, an den Kopf. Plötzlich wirkt diese Frau, die vor Publikum – wie jüngst als Gastgeberin bei der Jubiläumsfeier des Tanzhauses – so stark und strukturiert erscheint, irgendwie zerbrechlich. Säße sie auf einer Bühne, wäre es eine dramatische Geste. In diesem Moment wird deutlich, dass sie eine Ballett-Ausbildung absolviert hat.

Auf diesen Eindruck angesprochen, lächelt Gerbutavičiūtė – und liefert einen Ausschnitt ihrer Biografie. Mit sechs Jahren war es ihr gelungen, ihre Eltern durch hartnäckiges Drängeln davon zu überzeugen, dass sie Ballettunterricht nehmen müsse. Schließlich hatten diese durch regelmäßige Besuche von Opern- und Ballettvorstellungen im Litauischen Nationaltheater für Oper und Ballett in Vilnius ihre Fantasie angeregt. Später absolvierte sie eine professionelle Ballettausbildung und parallel das Gymnasium. Es war ihre Lehrerin und Mentorin, die Dozentin und Tanzkritikerin Vita Mozūraitė, die ihr die Welt des zeitgenössischen Tanzes eröffnete. Gerbutavičiūtė: «Ich staunte, was man mit dem Körper alles ausdrücken kann.» In diesem Sinne hat auch Audronis Imbrasas, Gründer und langjähriger Direktor des Litauischen Informationszentrums für Tanz, ihren Werdegang geprägt. Sie blieb dem Tanz treu, strebte gleichzeitig eine geisteswissenschaftliche Perspektive an und machte ihren Bachelor in Germanistik in Vilnius mit einem schicksalhaften Auslandsaufenthalt in Berlin. Fasziniert von der Metropole, sollte sie bald zurückkehren, um an der Freien Universität ihren Magister in Theaterwissenschaft, Linguistik, Journalistik und Kommunikationswissenschaften abzulegen. «Gabriele Brandstetter war noch dabei, den Fachbereich Tanzwissenschaft aufzubauen. Ich habe alle Seminare belegt, die es bereits gab.» In der zeitgenössischen Tanzszene – in Litauen und Deutschland – war sie sehr präsent: freischaffende Tanzkritikerin, Dramaturgin, Kuratorin, Jurorin. Den Lehrstuhl für Tanz an der litauischen Akademie für Musik und Theater leitete sie fünf Jahre lang. Weitere Stationen: Tanzplattform Deutschland 2020, «Neustart Kultur», Tanzkongress Mainz 2022.

Tanz und Gesundheit
Für Düsseldorf hat sie eine Vision, die klug und realisierbar scheint: ein grünes und inklusives Tanzhaus. Der erste Schritt ist ein inklusives Studio. Überhaupt liegt ihr das Thema Tanz und Gesundheit am Herzen. Die Akademie wird ihr Kursangebot für Parkinson-Patienten in Kooperation mit dem Scottish Ballet, das hier eine anerkannte Expertise hat, erweitern. Der nächste Schritt: «Arbeit mit Menschen, die an Demenz erkrankt sind, danach Tanz für Menschen, die mit Multiple Sklerose leben», plant die Tanzhaus-Leiterin.

Was sie sich als künstlerisches Ziel gesetzt hat, sind generationsübergreifende Projekte: Kooperationen mit Jugendzentren und Seniorenheimen schon während der Bauphase. «Wir wollen diese getrennten Welten durch Tanz zusammenbringen.» Ein weiterer Schwerpunkt liegt bei der Nachhaltigkeit – «eine Utopie», wie Gerbutavičiūtė sagt. Aber: «Wir müssen.» Warum eine Utopie? Sie erzählt von einer beispielhaften Erfahrung im vergangenen Jahr. Sie verlegte das Gastspiel von Christos Papadopoulos’ «Larsen C» in die Mitte der Woche. Grund: Sie wollte verhindern, dass seine Compagnie nach einem Auftritt in Schweden zurück nach Griechenland fliegt, bevor die Tänzer dann am Wochenende nach Düsseldor f kommen sollten. Gerbutavičiūtė beschreibt das Dilemma etwas resigniert: «Ich habe mich für die Nachhaltigkeit und gegen die Erlöse entschieden. Am Ende hatten wir mehr Kosten als Einnahmen.» Dabei sei man zur Wirtschaftlichkeit verpflichtet.

Ingrida Gerbutavičiūtė wird den richtigen Weg finden. Schon deshalb, weil zu Hause die schönste Motivation wartet: Mit Ugnė wächst die nächste Generation heran.


Tanz November 2023
Rubrik: Menschen, Seite 24
von Bettina Trouwborst

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