Gender Trouble

Mann oder Frau? Die Gegenwartschoreografie durchkreuzt vertraute Schöpfungs- und Wahrnehmungsmuster: im Rückgriff auf versunkene Werke wie im Zugriff auf aktuelle Körperbilder

Wer über körperliche Grenzgänge im Tanz nachdenkt, der wird ermitteln müssen, was Grenze in diesem Zusammenhang bedeutet. Er wird Aktionen, Inszenierungen oder Wahrnehmungsmomente suchen, in denen der Körper Abgrenzungen überwindet, von einer Seite der Grenze auf die andere wechselt oder zwischen Wechsel und Nicht-Wechsel changiert. Das bedeutet auch, nach den Kategorien von körperlichen Grenzen zu fragen und nach der Geschichte dieser Grenzen – und schließlich nach einem möglichen gesellschaftlichen Interesse an eben diesen Grenzen.

Zunächst lassen die Worte «körperliche Grenzgänge» vermutlich an das Austesten physischer Möglichkeiten denken und an Tanztechniken und -ästhetiken wie z. B. den in den 1980er- und 1990er-Jahren prominenten «Eurocrash». Das ist der Oberbegriff für einen Choreografiestil, der vor allem durch das Tempo und die Wucht, mit der die Körper der Tanzenden in und gegen den Raum und seine Abgrenzungen geworfen wurden, bestach. Louise Lecavalier, Muse des kanadischen Choreografen Édouard Lock, verkörperte wie keine Zweite die Lust am Risiko, wenn sie ihren Körper in horizontalen Spiralsprüngen in die Arme ihres Partners warf. Und Wim Vandekeybus ließ die Körper ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von tanz? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle tanz-Artikel online lesen
  • Zugang zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von tanz

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Tanz Jahrbuch 2016
Rubrik: Körper: Im Wandel, Seite 62
von Janine Schulze-Fellmann

Weitere Beiträge
Die Hoffnungsträger

In einer Spielzeit, in der die Diskussion um die mangelnde Sichtbarkeit von Choreografinnen und deren Kreationen auf britischen Tanzbühnen zum Teil künstlich hochgepusht wurde, hat sich paradoxerweise genau das Gegenteil eingestellt: Selten sind so viele Vertreterinnen dieser Zunft in Erscheinung getreten, so jüngst auch eine Tänzerin des Scottish Ballet – Sophie...

Die Hoffnungsträger

in kleines barfüßiges Mädchen hütet die Ziegenherde seiner Familie, anstatt im Kindergarten mit Puppen zu spielen. Dege Feder wuchs in einem abgelegenen Dorf im Norden Äthiopiens auf. Sie liebte das Leben unter freiem Himmel, die Natur, in der sie Lieder und Tänze erfinden konnte, immer dem Wind ausgesetzt: «Ich habe diese Zeit mit Tagträumen verbracht, Halsketten...

Knoten entknoten

Ich bin auf zwei Feldern tätig – Tanz und Konfliktlösung. Die Arbeit von Tänzern und Choreo-grafen beinhaltet körperliches Denken und sich choreografische Strategien auszudenken, um Ideen eine kommunikative Form zu geben. Die Arbeit eines Konfliktspezialisten zielt darauf, Menschen im Konfliktfall dabei zu helfen, dass sie miteinander über einmal erkannte Grenzen...