halle: ralf rossa «die schneekönigin»

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Wer eine märchenhaft idyllische Umsetzung der Vorlage Hans Christian Andersens erwartet, kommt gar nicht auf seine Kosten. Kein Weihnachts-Schneekitsch mit himmelstürmendem Finale wie in anderen Choreografien, sondern eine handfeste, bisweilen erschreckende Story um die Macht der Verführung. Sie beginnt mit einer Entführung: Gerdas Mutter wird von schwarz Gewandeten im Neonazi-Look aus dem Spiel mit der Tochter gekidnappt. Noch tummeln sich Kay und Gerda unterm Blütenbogen, umgeben von fröhlich hüpfenden Gefährten.

Die Schwarzen mischen sich unter die Schar, lassen Flugblätter abwerfen, schicken eine üppig aufgedonnerte Blondine mit Strumpfbändern zu Kay. Wer sich widersetzt, wird zusammengeschlagen, bis alle den Uniformierten nachlaufen. Fast alle. Nur Gerda widersteht den Verlockungen. Als die Dunklen scheinbar arglos Schneebälle werfen, sinkt eine Kurtine aus Schneekristallen herab, und in bombastischem Kostüm rodelt die Schnee-königin herein. Auf Kay hat sie es abgesehen, setzt begutachtend ­ihre Sonnenbrille ab, küsst ihm die Stirn. Nach einem Schleuderduett ist er ihr verfallen, fährt mit ihr in der ­Kutsche ab.

Die Schneekönigin ist ein Mann und weckt in ihrem gleißenden Weiß ...

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Tanz Januar 2012
Rubrik: kalender und kritik, Seite 42
von Volkmar Draeger

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