castelluccis zärtlichkeit

Seine Zärtlichkeit gilt den Söhnen, die sich aufopfern – ob am Kreuz oder im Kampf gegen die väterliche Inkontinenz.

Gott sieht alles. Jesus blickt dich an. Nur du, wohin schaust du selbst? Wie fühlst du dich im Anblick von Alter, Schwäche und der Abhängigkeit von Fürsorge? Romeo Castelluccis «Sul concetto di volto nel figlio di Dio», zu Deutsch etwa: «Über das Konzept des Gesichts den Sohn Gottes betrachtend», stellt dem Zuschauer eindringlichere und unbequemere Fragen als weithin sonst üblich. Erst recht im Theater. Wie bequem auch immer der Zuschauer sich in seinem Stuhl einrichten mag, ihm wird schnell unwohl.

An der Bühnenrückwand hängt, mehrere Meter hoch, eine Reproduktion des Jesus-Porträts von Antonello da Messina aus dem 15. Jahrhundert aus der Londoner National Gallery. «Salvator Mundi» lautet der Titel. Der «Erlöser» hängt hier nicht am Kreuz, sondern ist im Vollbesitz seiner Kräfte. Sein eindringlicher, gütiger, auch beharrlicher Blick überwältigt. Doch ­Cas­telluccis Werk hat weder mit Kunstgeschichte noch Religion zu tun. Stattdessen eilt dem Abend, der in Avignon Premiere hatte, das Gerücht voraus, das von schwer zu ertragenden Prüfungen für das Publikum sprach. Es ginge um Fäkalien, deren Gerüche sogleich durch die Gerüchteküche dampften.

Castellucci redet natürlich lieber um den ...

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Tanz Oktober 2011
Rubrik: produktionen, Seite 14
von Thomas Hahn

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