Tradition

Tanz als Totengräberei.

Tanz hat etwas von Totengräberei: Wir beschwören die Toten und hoffen auf das Leben. In diesem Paradox scheinen die zwei Seiten des Tanzes auf: Einerseits lebt er von der Tradition, andererseits ist er nicht, oder jedenfalls nur schwer zu bewahren. Manchmal denke ich sogar, dass man ihn gar nicht bewahren sollte, weil er so vom Moment lebt und so gesehen schon die Strecke vom Choreografieren im Studio zur Aufführung eigentlich sinnlos ist.

Der akademische Tanz, der mit seinem Kanon von Schritten den Rahmen für das Schaffen bildet, ist nur ein winziger Versuch, etwas einzuschränken, zu disziplinieren, was ungeheuer frei ist, nämlich Tanz und Leben. Jede Formsuche zielt ja darauf ab, sich trotzig dem Unerklärlichen entgegenzustellen. Formen schaffen Tradition und brauchen Tradition, um überliefert zu werden. Tradition schafft Sicherheit und Wärme, Verlässlichkeit, um nicht ganz ins Nichts zu fallen, während man etwas tut. Die respektvoll respektlose Aufgabe ist es, die Tradition einzubeziehen, aber zugleich infrage zu stellen, um etwas neu aufzubauen. Das Erbe und das Erreichte in der Tanzkunst verhindern oft einen neuen Blick. Andererseits bemühen sich die wenigsten, in etwas Neuem ...

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Tanz Jahrbuch 2014
Rubrik: wuppertal: pina bausch, Seite 84
von Marco Goecke