Was denkt Nanine Linning
Der Mensch sieht am liebsten anderen Menschen zu. Deshalb gibt es für mich nichts Herrlicheres, als kopfüber im Plüsch des Theatersessels zu versinken und zu schauen und zu erfahren.
Doch die architektonische Form des Theaters, wie wir sie seit dem 18. Jahrhundert kennen, gründet sich auf einem absolut idiotischen Konzept. Denn begreift man das Theater als einen Ort, an dem sich Kunst und Zuschauer begegnen, ist es doch eine verrückte Idee, dass es aus zwei einander gegenüberstehenden Gebäuden besteht: dem «Bühnenhaus» und dem «Zuschauerraum».
Die Künstler und Zuschauer betreten das Gebäude über ihren je eigenen Eingang, um sich lediglich auf der Scheidelinie des Bühnenrahmens zu begegnen, und sie verlassen es anschließend wieder über ihren je eigenen Ausgang. Andererseits hat die Architektur des Theaters in ihrer zwingenden Funktion auch etwas Geniales: Sie macht das Theater zu einem Ort, an dem die Codes so definiert sind, dass man sich setzt, den Mund hält und eine Vorstellung über sich ergehen lässt.
Während ein Picasso vielleicht mit einer neun Sekunden dauernden Andacht des Betrachters auskommen muss, können die Bühnenkünste für einige Stunden mit der ungestörten ...
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