Schwanensee

In Zagreb wagt sich Vladimir Malakhov an den Klassiker. Mit welchem Ergebnis, das weiß Andrea Amort

Manche Fans des Staatsballetts Berlin werden wohl beide vermissen – nicht nur den Ex-Intendanten Vladimir Malakhov, sondern auch den Solisten Leonard Jakovina. Als Tänzer sind beide beispielsweise in Mauro Bigonzettis «Caravaggio» in Erinnerung, Malakhov ging zudem als prägender Kopf des 2004 formierten Staatsballetts in die Berliner Tanzhistorie ein.

Beiden Herren begegnet man nun wieder in der kroatischen Heimatstadt Jakovinas, dem charmanten Zagreb, dessen fein gepflegtes, 1840 gegründetes Nationaltheater in einem 1895 bezogenen Gebäude residiert, das unverkennbar die Handschrift des europaweit gefragten Wiener Architekten-Duos Fellner & Hellmer trägt. Werke aus der Romantik müssen auf der eher ­schmalen Bühne ideal zur Geltung kommen.

Seit Dezember 2014 amtiert Leonard Jakovina dort als Ballettdirektor. Er setzt auf ein stilistisch vielfältiges Repertoire, auf die ganze Palette von Klassik bis Moderne inklusive «Choreo-Drama», und er bezieht zeitgenössische lokale Choreografen ein, zuletzt Marjana Krajač und Maša Kolar. Nun wünschte er sich einen neuen «Schwanensee». Dass der mittlerweile als Freelancer tätige Malakhov einwilligte und den geschmackssicheren Ausstatter Jordi Roig mitbrachte, ehrt nicht nur Jakovina, sondern vor allem das Ensemble. Zwei Monate wurde intensiv geprobt, in mehreren Besetzungen. Beteiligt ist auch der langjährig in Wien unter Renato Zanella engagierte Tomislav Petranović, nunmehr Erster Nationaltänzer.

Der Narr, ein Drahtzieher

Tanzaffin und stolz auf ihr Ensemble und seine Tradition scheinen die Zagreber zu sein. Im November wurde am Kroatischen Ballett-Tag der 140. Geburtstag des HNK Balletts gefeiert. Und im unweit des Theaters gelegenen Museum für angewandte Kunst war eine exquisite «Nussknacker»-Ausstellung zu sehen mit Kostüm-Leihgaben vom Staatsballett Berlin, von der Mailänder Scala sowie aus der Sammlung von Belinda Wright. Mit «Labude Jezero» bescherte Malakhov nun dem begeisterten Publikum einen bunt vermischten Abend. Bei der Premiere zeigten sich einige der geladenen Gäste nach heftigem Zwischen- und Schluss-Applaus für Tänzer und Produktionsteam nur vom unerwarteten Bühnen-Auftritt ihrer Staatspräsidentin Kolinda Grabar-Kitarović irritiert. Die Blumen für den Choreografen gingen plötzlich an die Dame. Vielleicht bedeutet das ja künftig eine spezielle Gönnerschaft für das Ballett am Haus, das mit Oper und Schauspiel gemeinsam lebt, beide Sparten mitbedient und trotzdem drei Premieren und sechs Wiederaufnahmen pro Saison bewerkstelligt.

Mit nur einer Pause rollt das vieraktige Werk von Peter I. Tschaikowsky, das Dian Tchobanov umsichtig und qualitätvoll dirigiert, durchaus kurzweilig und unterhaltsam voran. Wie erwartet, orientiert sich Malakhov am russisch tradierten Erbe von Marius Petipa und Lew Iwanow und betont den märchenhaften Charakter der Vorlage. Die Figur des unablässig springenden Hofnarren kennt man aus der sowjetischen Fassung von Konstantin Sergeyev, Malakhov lässt der Figur viel freien Lauf, macht sie fast zum Drahtzieher. Der Tänzer Takuya Sumitomo hat demnach stets den meisten Zuspruch des Publikums und deckt den naturgemäß bescheidener gehaltenen Prinz Siegfried zu. Letzterer wird von Andrea Schifano wie nach altrussischem Vorbild mit Würde gespielt und mit Anstand getanzt. Der Rotbart des Guilherme Gameiro Alves wirkt spitzfindig und mehr tanztechnisch kompliziert als theatralisch angelegt. Miruna Miciu in der Doppelrolle der Schwanenkönigin kann an Ausdruck und Aplomb nur gewinnen. Freuen darf man sich über die ungestrichene Pantomime der Odette im zweiten Akt und den Formwillen der Schwanen-Tänzerinnen. 24 Vogelwesen stellt das Ensemble, und erkleckliche Probenarbeit scheint vor allem in die beiden weißen Akte investiert worden zu sein.

Der Liebe erlegen

Malakhov hat selbst verschiedene «Schwanensee»-Fassungen getanzt, darunter auch jene auf existenzielle Nöte ausgerichtete von Rudolf Nurejew an der Wiener Staatsoper. In seiner ersten eigenen inszenatorischen Annäherung an den wohl schwierigsten Klassiker gibt er offenbar etlichen selbst gehegten Wünschen nach. Zu den nicht immer nachvollziehbaren Eigenwilligkeiten dieser Inszenierung – die Polonaise im ersten Akt wird etwa nur von Männern getanzt – gehört auch die Schlussszene. Rotbart und Siegfried sterben, und Odette legt sich mit dem Rücken zum Publikum, das weiße Tutu ragt himmelwärts, über den hingestreckten Prinzen. Alle drei sind ihren Lieben erlegen.

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In einer reisefähigen neuen Ausstattung von Dieter Eisenmann hat Vladimir Malakhovs «Schwanensee» inzwischen auch beim Liaoning Ballet in der chinesischen Acht-Millionen-Metropole Shenyang Premiere gehabt.


Tanz Juni 2017
Rubrik: Produktionen, Seite 12
von Andrea Amort